Ein Wochenende in Goma
Kongo kommt nicht zur Ruhe. Ein Aufstieg zum Vulkan Nyiragongo
F.A.S. 26. November 2006
Nach Goma, der Stadt ganz im Osten der Demokratischen Republik Kongo, fliegt man besser nicht. Es gibt nur eine Verbindung von der Hauptstadt Kinshasa, und die ist ein Himmelsfahrtkommando. 51 der 92 Fluglinien, welche die Europäische Union Anfang dieses Jahres wegen schwerer Sicherheitsmängel auf die Schwarze Liste gesetzt hat, kommen aus dem Kongo. Das europäische Landeverbot dürfte ihnen ziemlich egal sein. „Goma Express“ oder „Mango Mat“ verkehren nur im ehemaligen Zaire – wenn sie denn verkehren. Wöchentlich stürzen Flugzeuge ab. Vor einigen Jahren hatte ein russischer Pilot versehentlich die Ladeluke geöffnet. Menschen und Kühe ergossen sich in hohem Bogen in den Urwald.
Besser fährt man mit dem Auto nach Goma. Weil aber kaum Straßen im Kongobecken existieren, beginnt die Fahrt im Nachbarland Ruanda. Von der Hauptstadt Kigali sind es nur drei Stunden bis zu der Stadt am schönen Kivusee. Doch Vorsicht: Der Ostkongo ist noch immer nicht befriedet. Je nachdem, welche Rebellengruppe gerade wo ihr Unwesen treibt, verzichten die Entwicklungshelfer in Ruanda auf den Kurzurlaub hinter der Grenze.
Kurz vor Ruhengeri rollt der Wagen an den Straßenrand. Fünf Vulkankegel erheben sich zu einer überwältigenden Silhouette. Wir blicken ins Dreiländereck Ruanda-Uganda-Kongo. Wir blicken in den Virunga-Nationalpark, den ältesten, seit 1925 bestehenden Nationalparks Afrikas. Acht aktive Vulkane stehen hier, drei davon im Kongo, bis zu 4.500 Meter hoch. Ruhengeri ist Ausgangspunkt für die Touren zu den seltenen Berggorillas. Auf ruandischer Seite kann man sie für 250 Dollar pro Tag bestaunen. Wir fahren weiter. Von Goma aus wollen wir zum Nyiragongo aufsteigen, zum Vulkan, der die Stadt 2002 fast ausgelöscht hätte.

Von Gisenyi sind es nur noch ein paar Kilometer nach Goma. 1994 nahmen über eine Million Hutu diesen Weg, um nach dem Völkermord in Ruanda den anrückenden Tutsi-Rebellen zu entkommen. Nun schleicht der Wagen über eine menschenleere Uferpromenade. Vom Kivusee weht kein Lüftchen. Die Villen aus belgischer Kolonialzeit dämmern im Dunkeln; verwaist sind die Ferienanlagen, in denen reiche Ruander und Europäer früher Urlaub machen. Am Ende der Straße zwei ruandische Soldaten: die Grenze. „Dreißig Dollar, Monsieur“. Der kongolesische Einreisestempel knallt in den Pass. Wir sind im Kongo.
Am Morgen des 17. Januar 2002 brach Lava aus dem Sockel des Nyiragongo und wälzte sich unerbittlich ins zehn Kilometer entfernte Goma. Die 400.000 Einwohner flohen in Panik. Die Lavaströme brannten sich durch die Stadt. Erst im Kivusee kamen sie zischend zum Erliegen. Goma stand in Flammen. Tankstellen explodierten und zerstörten, was die Lava verschont hatte. Ein Wunder, dass nur etwa mehr als 50 Menschen starben. Beim vorletzten Ausbruch 1977 waren es noch etwa 2000. Damals schoss die Lava mit bis zu 60 Stundenkilometern durch die Stadt. Die Lava der Virunga-Vulkane ist extrem dünnflüssig und kann daher teuflisch schnell werden.
Goma hat gelernt, mit den ungebetenen Innereien der Erde zu leben. Der holprige, mit Blümchen geschmückter Kreisverkehr: aus Lava. Das Haus, vor dem eine Frau frische Wäsche aufhängt: aus Lavasteinen. Ein verrosteter Citroen ist bis zum Dach in Lavawülsten versunken. Darüber thront der Nyiragongo und schickt weiße Rauchzeichen in den Himmel. Die Einwohner haben sich mit ihm arrangiert – als sei der fast 3.500 Meter hohe Vulkan ein liebenswürdiger Hausberg.
„Ich nehme nur neue Dollarnoten“, sagt der Zigarettenjunge und schaut ein wenig mitleidig auf die abgegriffenen Scheine. „Wir haben zwar oft keinen Strom in unserer Uni“, sagt Murganto Morgan, ein junger Wirtschaftsstudent, der sich im Auftrag einer kongolesischen Hilfsorganisation auch um Kriegsgefangene kümmert, „aber wir haben gute Professoren.“ Wir laufen gemeinsam durch die Stadt. Plötzlich fragt ein Mann: „Warum fotografieren Sie hier?“

Das ist nicht nur im Kongo eine heikle Frage. Hier aber ist sie besonders heikel. Der Mann hält einem eine gelbe Plastikkarte vors Gesicht. Das Ding sieht aus wie eine Zehnerkarte vom Schwimmbad. „Gib ihm bloß kein Geld“, flüstert Morgan. „Sag ihm, dass du um Erlaubnis hättest fragen sollen, einen so wichtigen Mann zu fotografieren.“ Es klappt. Nach kurzen Verhandlungen dreht der Mann mit der Zehnerkarte ab. Und sagt im Weggehen: „Es ist viel Gesindel unterwegs in Goma.“
Ein Hotel wie die „Stella Matutina Lodge“ kann in einer solchen Stadt nur wie ein Ufo wirken. Kellner huschen über einen auf Golfplatzkürze geschnittenen Rasen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sitzen an Laptops. Kongolesen in neuen Anzügen rühren im Kaffee. Vögel schweben zwischen den Akazien. Derweil plätschert der Kivusee dezent ans Ufer. Es hört sich an, als wäre der vielleicht schönste See Ostafrikas nicht aus Wasser und Vulkangasen, sondern aus Champagner. Das letzte freie Zimmer liegt neben einem Dieselgenerator. Sein unaufhörliches Brummen erinnert daran, dass wir doch nicht an der Côte d’Azur gelandet sind.
Früher sei Goma eine schöne Stadt gewesen, sagt Morgan, der Wirtschaftsstudent. War das, bevor der Nyiragongo ausbrach? Oder war das, bevor ruandische Truppen 1996 und 1998 hier einfielen? Oder bevor eine Million Hutu hierher flohen, nachdem sie eine Million Tutsi in Ruanda abgeschlachtet hatten? „Früher“, überlegt Morgan, als wir vor einem Marktstand stehenbleiben, in dem ein Dutzend Plastiksandalen vermutlich schon so, wie es Plastiksandalen gibt, auf Käufer warten, „früher, das war in den siebziger, achtziger Jahren.“ Damals waren Präsident Mobutu und seine Entourage oft in Goma – „um sich von den Regierungsgeschäften zu erholen“, wie Morgan voller Sarkasmus sagt.

So wurden in Goma Bungalows und Hotels wie das „Stella“ hochgezogen. Heute beherbergen sie vor allem UN-Personal. 17.000 Blauhelme sind seit 1999 im Kongo stationiert, die meisten im Osten des Landes. Sie sollen die ehemaligen Bürgerkriegsmilizen entwaffnen und für Ruhe und Sicherheit sorgen. Denn noch immer treiben versprengte Gruppen im Umland Gomas ihr Unwesen. Die Friedenstruppe Monuc kann nicht jedes Dorf schützen.
Doch Angst bekommen wir erst oben auf dem Kraterrand des Nyiragongo: Schwefel überall, er dringt aus heißen Ritzen und lässt die Augen tränen. Der Wind rüttelt an den Zelten. Ein Hering löst sich. Das Atmen fällt schwer. Es ist völlig finster. Wie sollen wir diese Nacht nur überstehen?
Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Gut gelaunt passierten wir Deutschen, Spanier und Franzosen den halbverschütteten Flughafen und luden unsere Rücksäcke an der rostigen Eingangspforte des Virunga-Nationalparks aus. Dario, dessen italienische Familie in dritter Generation im Kongo lebt, nahm sein Handy mit, wir anderen Wasser, Wein und Mettwürste. Rund fünf Stunden dauerte der Aufstieg zum Kraterrand. Wir liefen durch dichten Urwald. Wir kraxelten über ein Geröllfeld aus Lava. Jenseits der Baumgrenze gerieten wir endgültig ins Schwitzen. Die Träger in ihren Gummistiefeln aber stiegen scheinbar mühelos hinauf. Zwei Parkranger begleiteten uns ebenfalls. Sie trugen Gewehre. „Gegen die Rebellen“, sagte der eine. „Und gegen die wilden Tiere“, sagte der andere.

Doch das einzig wilde Tier ist jetzt die Erde. Der Schwefel zischt aus den Ritzen. Der Wind rüttelt an den Zelten. Wir schlagen den verlorenen Hering wieder ein und knabbern stumm an unseren Mettwürsten. Auf einmal verziehen sich die Wolken, und die Sterne treten hervor. Wir tapsen an den Kraterrand. Jetzt ist es völlig windstill. Und da ist er, der See aus Lava! Ein paar hundert Meter tiefer brodelt es lichterloh und rötlich, das Innere der Erde, ungebändigt, nie zu bändigen. Dann verhüllen wieder Schwefelwolken die Sicht. Die Lava ist trotzdem zuhören, wie sie faucht und brodelt, sich stülpt und senkt. Es hört sich an wie fernes Meeresrauschen.
Am nächsten Morgen packen wir die Zelte früh zusammen. Dario lässt ein letztes Mal den Blick über Goma und den Kivusee schweifen, bevor er wieder zum Handy greift. Die Fernsicht ist fantastisch. Da unten ist die Stadt, die der Vulkan, auf dem wir stehen, fast ausgelöscht hätte. Da unten ist der See, wo man baden und sogar Wasserski fahren kann. Da unten liegt Kongo, liegt Ruanda, liegt weiter südlich, hinter dem Horizont, Burundi. „Ich sehe das so“, sagt Dario. „Wenn mehr Touristen nach Goma kommen, kommt der Frieden ganz von allein.“ „Du spinnst“, sagt einer seiner französischen Freunde. „Es ist genau umgekehrt: Die Touristen kommen erst, wenn Frieden in Goma herrscht.“