Soll und Haben

Mehr Netto vom Bruttonationalglück: Bhutan setzt auf zahlungskräftige Gäste

F.A.S. 10. November 2019

Dass Bhutan kein Land wie jedes andere ist, merkt man bereits in Indien. Das hektische Globalgewusel auf dem Flughafen Delhi kommt einem am einsamen Drukair-Schalter wie ein einziger großer Irrtum vor. Gegen eine ausgedruckte Flugrechnung samt Visumsnachweis erhält man eine blasse Bordkarte mit Drachenkopf, und keine drei Stunden darauf sinkt das Flugzeug der Königlichen Bhutanesischen Fluglinie über die pagodenartigen Doppeldächer im Paro-Tal herab.

Auf dem Rollfeld meint man endgültig, durch eine Zeitschleuse gelangt zu sein. Die Wolken hängen tief, kein Mensch weit und breit. Dafür blicken zwei freundliche Männer von Postern herab ins frontale Nirgendwo. Es sind Jigme Singye Wangchuck, König Nummer vier, und sein Sohn Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, Bhutans amtierender König Nummer fünf. Für einen Moment glaubt man, Jim Knopf auf Staatsbesuch in Mandala zu sein. Passenderweise kreist das Gepäckband in der Ankunftshalle um einen Miniatur-Dzong, ein bhutanesisches Klosterfort im Kleinformat, was aus Sicht der Wartenden ausgesprochen hübsch aussieht, aus Sicht des Dzongs aber ziemlich bedrohlich wirken muss, als wenn Riesen mit Rollkoffern in das kleine Königreich im Himalaja gekommen wären.

10.000 Meter plus: Flug über den Himalaja.

Das sind sie natürlich nicht, im Gegenteil: Bhutan setzt alles daran, die Ankünfte so klein und fein wie möglich zu halten. Jeder Besucher muss mindestens 250 US-Dollar pro Tag zahlen. Darin enthalten sind Hotel, Fahrer, Führer und Essen, also sämtliche Reisekosten. Buchen lässt sich der Aufenthalt nur über staatlich zugelassene Agenturen. Auf diese Weise wird verhindert, dass Backpacker und Billigtouristen wie in Nepal das Land überschwemmen. Ausgenommen vom Tagessatz sind die Bürger Indiens, der Malediven und Bangladeschs. Bhutan pflegt gute Beziehungen zu den Nachbarn im Süden, während man den Nachbarn im Norden, China, eher mit Argwohn betrachtet. Die Grenze ist abgeriegelt. In diesem windumpfiffenen Schneereich gibt es noch immer Siebentausender, die unbestiegen sind.

Galey wuchtet die Rollkoffer in den Bus, Pema nimmt sie entgegen. Wie alle bhutanesischen Männer tragen auch unser Führer und unser Fahrer in der Öffentlichkeit den Gho, ein robenartiges Gewand, das um den Körper gewickelt und mit einem Stoffband zusammengehalten wird. Dazu haben sie schwarze Kniestrümpfe an. Es sieht aus wie eine sehr asiatische, sehr schicke Schuluniform. Auch Tashi, die sechssprachige Vertreterin von der Luxushotelkette Six Senses, macht in ihrer bodenlangen Kira eine gute Figur. Wie aus dem Ei gepellt ist auch unser kleiner, weißer Reisebus. Die kommende Woche wird er es bleiben. Ein Wunder. Kein Schlammspritzer, keine Fensterschliere wird je die Karosserie verunstalten, obwohl Bhutans kurvenreiche Straßen dies durchaus hergegeben hätten. Wir werden nie erfahren, wie Pema (der Name bedeutet „Lotusblume“) das gemacht hat.

Deutlich im Plus: „Six Senses“-Lodge in Thimphu.

Nichts in diesem buddhistischen Land wird im Eilverfahren erledigt, alles wird mit Bedacht und im Einklang mit der Natur gemacht. Damit ist Bhutan der erste Staat mit nachgewiesener negativer Kohlendioxidbilanz: Seine großen, unberührten Wälder binden mehr Kohlendioxyd, als die 700 000 Einwohner ausatmen. Industrie gibt es keine. Der Staat verdient sein Geld vor allem mit Wasserkraftwerken, die den gewonnenen Strom nach Indien verkaufen.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Bruttonationalglück. König Jigme Singye Wangchuck prägte den Begriff 1979 in einem Interview. Mittlerweile ist er Bhutans Markenzeichen. Demnach ist die Wirtschaftsleistung nur einer von mehreren Punkten, an denen sich der Zustand eines Landes bemisst. Genauso wichtig seien Gesundheit, Gemeinschaft, Erziehung, das Aufgehobensein in Kultur und Traditionen, eine gute Regierung und das persönliche Wohlbefinden. Das Konzept findet seit Jahren weltweit Bewunderung. Dass der König 2006 seinem Sohn die Macht übertrug und überdies ein Parlament einführte, machte Bhutan endgültig zum Musterschüler von Nachhaltigkeit, Bescheidenheit und Weitsicht.

Mittlerweile hat uns Pema die letzten lehmigen Kurven zur Lodge Thimphu hochgefahren. Uns tut sich ein Shangri-La moderner, bhutanesisch inspirierter Achtsamkeitsarchitektur auf, mit repräsentativem Haupthaus, Wellnessgelände und einem 30 Zentimeter tiefen Reflection Pool. Fünf solcher Lodges hat Six Senses kürzlich im Land gebaut. Jede ist unterschiedlich gestaltet, von allen aber geht eine geradezu klösterliche Konzentration aus. Man traut sich kaum, Sprudelwasser statt stillem Wasser zu bestellen – so ruhig ist es hier. Die Lodges liegen außerhalb der Städte und sind damit dem nächtlichen Gebell der Straßenhunde, dem einzigen Wermutstropfen tiefenentspannter Bhutanreisender, meilenweit entrückt.

Plusminusnull: junger Mann in Paro.

Unser erster Ausflug gilt der 52 Meter großen Buddha-Statue Dordenma, die sich seit 2015 über Thimphu erhebt. Gespendet wurde der friedliche Bronzekoloss von reichen Auslandsbhutanesen, erzählt uns Galey in schönstem Hochdeutsch. Galey lebte einige Zeit in Stuttgart. Nun weist er uns den Weg vom Buddha hinab in die Hauptstadt, an rauschenden Bächen und wehenden Gebetsfahnen entlang. Nach einer guten Stunde das erste Haus, die erste Straße, die ersten Paprikaschoten, die auf den Dächern zum Trocknen liegen: Für eine Hauptstadt wirkt Thimphu recht dörflich, obwohl mittlerweile jeder siebte Bhutanese hier lebt. Früher gab es einmal eine Ampel. Doch die gefiel den Bhutanesen nicht, also wurde sie abgebaut. Jetzt regeln wieder Polizisten in einer Holzpagode mit weißen Handschuhen den Verkehr.

Wo kommt plötzlich der Nebel her? Schlagartig hat er uns in geisterhafte Scherenschnitte verwandelt. Wir sind auf dem 3100 Meter hohen Dochula-Pass der den Distrikt Thimphu vom Distrikt Punakha scheidet. Bei klarem Wetter kann man von hier die schneebedeckten Siebentausender des Himalaja sehen. Nun aber umfasst uns ein schleierartiges Grau. Selbst die um die indischen Motorradfahrer schleichenden Straßenhunde haben das Bellen verlernt. Über allem scheint ein zarter Flötenton zu liegen. Vielleicht ist es aber auch nur die Erinnerung an die Meditationsmusik, die noch gestern aus den winzigen Lautsprechern am Reflection Pool perlte.

Pema steuert den Bus nach unten. Wir vertrauen ihm blind. Nach ein paar Minuten hat sich der Dunst verzogen. Wir sind in der tropisch-schwülen Kornkammer des Landes. Reisfelder, Bauernhöfe, Schulkinder in Gho und Kira auf ihrem Weg nach Hause: Eigentlich müsste Pema alle paar Minuten einen Fotostopp einlegen. Doch dann fragt Galey: „Wollt ihr ins Phallusdorf?“ Klar wollen wir. Und so biegt unser unbefleckter Bus zu den bunten Penisbildern, die dort an die Häuser gemalt sind: lächelnde Penisse, wolkenumhangene Penisse, Penisse mit Augen, Penisse als Erntehelfer. Bhutan ist ein zutiefst buddhistisches Land. Uralte Fruchtbarkeitskulte haben sich gleichwohl erhalten.

„Wollt ihr wiklich ins Phallusdorf?“, fragt Galey. Klar wollen wir.

Auch die Lodge in Punakha scheint einer Traumwelt entsprungen zu sein. Direkt am Hang ist ein sichelförmiger Außenpool gebaut. Es nieselt, es ist warm. An den Bergkuppen gegenüber hängen die Wolken wie Cappuccinoschaum. Man könnte ewig in diesem Bruttoglücksprodukt bleiben. Doch heute morgen geht es hoch zum Kloster Chorten Ningpo. Gut, dass wir uns vorgestern einem „Wellness-Screening“ unterzogen haben. Das hat uns geschmeidig gemacht für den Aufstieg auf den dampfenden Pfaden. Die Klosterschüler erwarten uns bereits. Wir nehmen ein zweites Frühstück ein aus Reis, Kartoffel- und Gurkensalat. Es folgt eine Frage- und Antwortstunde mit den Kindern, die rätselhafterweise allesamt Kaugummi kauen, was den Englischlehrer jedoch nicht im mindesten stört.

Der mächtige Dzong von Punakha liegt wie ein Ozeanriese im Trockendock zwischen dem reißenden „Vaterfluss“ und dem wilden „Mutterfluss“. Mit seinen roten Dächern und Doppeldächern, die den dicken Mauern spielend leicht die Schwere nehmen, ist er das wohl schönste, mit Sicherheit aber das bedeutendste Klosterfort Bhutans. Jahrhundertelang wurde von hier aus das Land verwaltet, verteidigt und religiös austariert. Am Gepäckband in Paro waren wir Scheinriesen. Jetzt sind wir Zwerge, die die große Gebetsmühle im Eingang drehen und sich staunend von Innenhof zu Innenhof bewegen, bis sie dahin gelangen, wo nicht mehr fotografiert werden darf: in den Tempel mit seinen vergoldeten Statuen und den bunten Gaben aus Buttercreme.

39 Stunden später ist die Ehrfurcht verflogen. Wir stehen in einem matschigen Pinienwald bei Paro, beseelt von der nächsten Lodge und abmarschbereit zum dreistündigen Aufstieg zum Taktshang Goemba, Bhutans berühmtestem Kloster. Es wird auch „Tigernest“ genannt, weil der Klostergründer dereinst auf dem Rücken einer Tigerin die steilen Felsvorsprünge auf 3100 Metern erreicht haben soll. Diese Sprunghilfe hätten wir jetzt auch gern, schließlich müssen wir rund 600 Höhenmeter überwinden über lehmige Böden, verknollte Wurzeln und eine irrwitzig mäandernde Treppe, die erst seit ein paar Jahren durch ein Geländer gesichert ist. Doch es lohnt sich. Das Tigernest ist zu Recht ein Sinnbild Bhutans: klein, fein, hoch, pur und wunderschön.

Großer Sprung nach oben: Kloster Taktshang Goemba, auch „Tigernest“ genannt.

Einige Räume können besichtigt werden, so auch jener, in dem Mönche gerade mit Trommeln und Hörnern einen Lärm veranstalten, als wollten sie das gesamte Tigernest zum Einsturz bringen. Das seien Mönche aus Thimphu, erklärt der Lama, der uns kurz darauf in seinem Büro empfängt. „Sie halten ein 15-tägiges Ritual für den König ab.“ Ob wir Kaffee wollen, fragt uns der freundliche Mann – und drückt sichtbar stolz den Knopf der neuen Espressomaschine. Es mahlt und zischt und blubbert, bis alle versorgt sind. Der Lama erteilt uns noch seinen Segen für eine gute Reise. Dann ist die Audienz beendet.

Und die haben wir tatsächlich bis zum Schluss. Zurück nach Delhi macht Drukair einen Stop in Kathmandu. Das bedeutet, dass wir eine Stunde lang über den Himalaja fliegen. Die schneebedeckten Sieben- und Achttausender gleißen im Vormittagslicht. Sie ziehen an uns vorbei wie eine nicht enden wollende Fototapete. In Bhutan dürfen die Berge ab einer Höhe von 5.500 Metern nicht mehr betreten werden. Von da an wohnen die Götter, glaubt man. Von hier oben aus betrachtet gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln.