Die Demokratie geht baden
Das „Democracy and Spirtuality Weekend“ in Griechenland
F.A.S. 1. Dezember 2019
Dass die Demokratie zurzeit einen leichten Knacks hat, merkt man nicht nur an häßlichen Tweets und fortschreitendem Populismus. Man merkt es auch an so manchem Tagungsmotto. Das diesjährige „Athens Democracy Forum“, eine Veranstaltung, die seit 2015 mit Unterstützung der „New York Times“ am Geburtstort der Demokratie abgehalten wird, kam noch ohne Überschrift aus. Es war ein dreitägiges Schaulaufen einer besorgten globalen Elite, die über wachsende Intoleranz und die Kosten von Ungleichheit diskutierte. Das war offenbar so kräftezehrend, dass man den Teilnehmern noch ein schönes Wochenende an der Küste des Peloponnes gönnen wollte. Selbstverständlich nicht, um auf der faulen Haut zu liegen. Sondern um weiter zu debattieren. Die Demokratie ist schließlich in Gefahr.

Derlei Sorge braucht nun die rechte Losung, den passenden gedanklichen Schirm, unter dem man sich bei angenehmen 28 Grad Lufttemperatur versammeln konnte. Welchen sollte man spannen? „Democracy and Cinema“ war bereits in den Vorjahren vergeben worden, ebenso „Democracy and Books“. Wie wäre es mit „Democracy and Religion“? Zu engstirnig, fanden die Veranstalter, zu wenig aufgeklärt, zu sensibel für Verletzungen. Also wählten sie das Motto „Democracy and Spirituality“. Das konnte niemandem wehtun.
Vielleicht wäre „Democracy and Vacation“ aber doch treffender gewesen. Denn auch ganz normale Urlauber, also jene, die sowieso schon im ultraschicken Luxusresort „Costa Navarino“ weilten, durften an dem „Democracy and Spirituality Weekend“ teilnehmen. Völlig basisdemokratisch, man wollte ja niemanden ausschließen von den verheißenen „Yogamomenten“, vom Olivenöl-Tasting und dem philosophischen Gesprächskreis unter einem Olivenbaum, auch wenn das für die Angestellten erhöhte Fahrbereitschaft bedeutete: Das Costa Navarino ist sehr weitläufig. Schon an normalen Tagen surren pausenlos Elektrocarts über die Anlage.

Kernstück des zweitägigen Wochenendes war ein Bildungsabend auf der Driving Range des Golfplatzes. Wie schön, dass die Demokratie in der Krise ist, denkt man. Dass man sich Sorgen macht. Dass die Spiritualität ihr neues Leben einhaucht. Hätte man jemals sonst direkt hinter einem leibhaftigen Milliardär wie dem italienischen Modeschöpfer Brunello Cucinelli gesessen? Rund eine Stunde hatte Cucinelli auf dem Freiluftpodium seine Idee des „humanistischen Kapitalismus“ dargelegt. Im Wesentlichen besteht sie darin, dass er seinen Angestellten 20 Prozent mehr als den in Italien üblichen Branchenlohn zahlt. Nun nahm er auf einem der etwas härteren Zuschauerstühle Platz, verschränkte die Arme und kniff, das Sakko frei von Falten, die Augen zusammen.
Wozu dieses genaue Taxieren? Schützte er sich gegen die blendende Sonne, die gerade über der bukolischen Landschaft Messeniens unterging? Konzentrierte er sich auf den „Dialog zwischen Sokrates und Konfuzius“, den zwei britische Philosophieprofessoren nun in einem Rollenspiel zum Besten gaben? Oder tat er einfach das Naheliegende: zu fürchten, dass uns trotz der späten Stunde noch ein Golfball um die Ohren fliegen würde? Die Demokratie ist ein teures Gut. Man muss wachsam sein und darf sie nicht leichtfertig in den Urlaub schicken.