Unterwegs mit deutschem Schweigen

Eine Balkan-Studienreise für 169 Euro: Wie ist das möglich? Und kann das gutgehen?

F.A.S. 26. Januar 2020

Von all den kostenlosen Werbezeitschriften, die seit Jahr und Tag in unserem Briefkasten landen, ist uns „Einkauf aktuell“ die liebste. In zarte Klarsichtfolie gehüllt, gleitet einem beim Aufreißen ein stattlicher Wust wursthaltiger Supermarktprospekte entgegen. Darin verborgen ist das Herzstück der Wurfsendung: das Fernsehprogramm der kommenden Woche. Weil dieses aber ebenso wenig auf Werbung verzichten möchte, findet sich neben den Sendeterminen für Regionalkrimis, Zoofütterungen und Doku-Soaps auch jede Menge kurioser Anzeigen: Ecksofas in „Fabric Grey“, Sammlermünzen, Teppichreinigungen, Jumbo-Burger. Alles gnadenlos reduziert. Alles fast geschenkt. Aber nur solange der Vorrat reicht.

Höhepunkt der schrill ins Horn blasenden Schnäppchenjagd abr sind die Reiseanzeigen. Mittlerweile haben sie dermaßen überhandgenommen, dass unsere Lieblingszeitschrift eigentlich jetzt ein Urlaubskatalog ist. „6 Nächte in Dubai ab 799 Euro“, lesen wir, „7 Nächte auf der Donau ab 499 Euro“ oder „8 Tage Marienbad ab 280 Euro, 10 Kur-Anwendungen inklusive“. Wir sind nicht begeistert. Das muss billiger gehen. Was haben die Discounter zu bieten? Seit Jahren mischen Aldi, Rewe, netto und Lidl tüchtig im Reisemarkt mit – mit deutlicher Tendenz ins mittlere Preissegment. Ultrahammergünstige Schnäppchen sind dort kaum noch zu machen.

Nach vielen Wochen des Blätterns und Wurstprospektauspackens haben wir doch noch die Reise gefunden, die unseren Ansprüchen genügt. Für 169 Euro pro Person fahren wir nach Kroatien und Montenegro! Normalerweise koste diese Reise 969 Euro, verkündet die ganzseitige – mit sehr viel Kleingedrucktem gespickte – Anzeige. 800 Euro gespart, toll! Im Preis der achttägigen „4-Sterne-Studienreise“ enthalten sind Flug, Übernachtung, Frühstücksbüfett, Busfahrt, eine deutschsprechende Reiseleitung sowie ein umfassendes Ausflugsprogramm. 24 Stunden ärztliche Rufbereitschaft gibt es obendrein. Wir wissen nicht, ob uns das beruhigen oder beunruhigen soll.

In Rufbereitschaft ist bislang eh nur der Veranstalter RSD Reise Service Deutschland. Unmittelbar nach Buchung erfolgt ein Anruf aus der Münchener Zentrale. Ob man nicht für 168 Euro das „Genießer- und Schlemmerpaket“ dazubuchen wolle, fragt die freundliche Telefonistin. „Sie müssen wissen, wir legen viel Wert auf die Ruhe unserer Gäste. Das bedeutet, dass unsere Hotels nicht immer so gelegen sind, dass unsere Gäste sich abends selbst verpflegen können.“ 168 Euro, das ist ja fast so teuer wie die ganze Reise! Wir winken freundlich ab.

Kleine Geldbeutel in Split.

Mulmig ist uns trotzdem zumute. Was, wenn die Dame recht hat? 168 Euro, das macht 24 Euro pro Abend an mutmaßlich mäßigem Büfett. Dafür können wir auf dem Westbalkan auch mit dem Taxi ins Restaurant fahren. System ausgetrickst, denken wir – und merken nicht, wie sehr die unerbittliche Kalkulationsspirale, die dieser Unternehmung zugrunde liegen muss, bereits in uns gedrungen ist. Wir können gar nicht mehr anders, als in Schnippchen und Schnäppchen denken. Vorfreude auf die „Traumküsten und die vier berühmtesten Welterbe-Stätten an der Adria“ kommt so nicht auf, was aber auch am Reisedatum liegt. Abflug von Berlin-Schönefeld ist der 7. Dezember. Das ist nicht einmal neben der Nebensaison. Das ist absolut daneben. Für andere Abflugtermine und -orte werden teils kräftige Zuschläge erhoben.

Erdem steht im Gang des Reisebusses und klopft aufs Mikrofon. „Können Sie mich hören, ja?“ – Keine Antwort. 34 meist deutlich gereifte Insassen starren stumm geradeaus, bereit für den Vollzug des Kommenden, geplättet auch vom Flug mit der türkischen Chartergesellschaft „Freebird“, die uns an diesem trüben Wintermorgen nach Dubrovnik verfrachtet hat. Mit uns haben sich vier weitere Busladungen von RSD-Reisenden aus dem ansonsten menschenleeren Terminal ergossen. Am Mittag kommt eine zweite Chartermaschine, macht noch einmal fünf volle Busse. Und das jeden Tag von Mitte Oktober bis Mitte Dezember und von Anfang Februar bis weit in den März hinein.

Mit RSD sind wir zweifellos an einen Big Player im Ultrabilligsegment geraten. Über zwei Millionen Menschen hat das 2009 gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben bislang die Freuden der Nichtsaison nähergebracht. Das funktioniert nur, indem der „Spezialist für Bildungs- und Luxusreisen“, wie sich RSD selbst bezeichnet, ebenjene Lücke besetzt, die zwischen Nach- und Vorsaison liegt. Dann haben die meisten großen Hotels am Mittelmeer geschlossen. In der kurzen Hochsaison von Weihnachten bis Silvester müssen sie den Betrieb jedoch wieder hochfahren. Das rentiert sich kaum. Die RSD-Vertragshotels haben deshalb auf elfmonatige Dauerauslastung umgestellt.

30 Minuten in Omis müssen reichen.

Mittlerweile fischt RSD auch in den rentnerstarken Märkten in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Belgien. Zeit ist in den alternden Gesellschaften Nord- und Mitteleuropas schließlich im Übermaß vorhanden. Dabei greift man nicht nur beim Charterflug gern auf Expertise vom Bosporus zurück: Wie Erdem stammen auch die übrigen Reiseleiter aus der Türkei. Allein die Fahrer sind einheimisch. Unserer heißt Vlado. Der schlacksige Mann wird uns die kommenden tausend Kilometer sicher und wohlbehalten nach Split, Kotor und wieder zurück nach Dubrovnik bringen. Nur einmal, in Herceg Novi, steuern wir versehentlich eine Rehaklinik an.

In nahezu militärischer Präzision rollen die fünf Busse mit der dürren RSD-Palme im Logo die dalmatinische Küste entlang. Von nun an sind wir die Objekte eines gut geölten Massenbetriebs. Zumindest haben wir die hintere Sitzreihe für uns. Hier, auf der Lümmelbank ist auch genug Ablagefläche für das Kreuzworträtselheft, das wir uns für diese Reise gekauft haben: Wir wollen nicht auffallen. Das wiederum haben wir mit dem Rest der Gruppe gemein: Niemand will auffallen. Keiner spricht mehr als nötig, keiner kommt aus der Deckung, weder das sächsische Ehepaar vor uns noch die Best Ager aus Berlin mit den Schiebermützen.

Erdem kennt es offenbar nur zu gut, das deutsche Schweigen, das in den kommenden acht Tagen nie ganz aus unserem Bus weichen wird. Deshalb redet der 59-Jährige einfach weiter, diesmal allerdings mit Nachdruck. Jetzt sei die allerletzte Chance, das „Schlemmerpaket“ zu buchen. Es kostet nun 139 statt 168 Euro, zu zahlen in bar. Wir bleiben standhaft. Auch das sogenannte „Entdeckerpaket“ will uns nicht schmecken, obwohl es nun von 110 auf 85 Euro runtergesetzt ist. „Sie verpassen Mostar, die Bootsfahrt nach Kotor, sie verpassen jetzt gleich ,Dubrovnik by night‘“. Mmh, sollten wir vielleicht doch? Ach was, zur Not bleiben wir eben hungrig im Hotel.

Knapp die Hälfte der Businsassen hat dem Druck ebenfalls standgehalten. Denen bindet ein jetzt schlechtgelaunter Erdem in der Hotellobby ein gelbes Armband um, den anderen ein blaues. Blau steht für Frühstück und Abendbüfett, Gelb für nur Frühstück. „Schummeln ist zwecklos, es werde streng kontrolliert.“ Auch die drei kostenpflichtigen Ausflüge haben sich offenbar etliche gespart, die nahe Bushaltestelle jedenfalls ist voll mit unseren Leuten. Unser Hotel ist zwar ein bisschen abgelegen, doch alle zehn Minuten fährt ein Linienbus zur Altstadt. Die Sonne lacht, es sind über zehn Grad. Wie unter diesen Bedingungen „Dubrovnik by night“ erlebt werden soll, bleibt uns auch dann noch ein Rätsel, als es tatsächlich dunkel geworden ist. Auf einem kläglichen Weihnachtsmarkt verzehren wir Bier und Würstchen, dann geht’s mit der Linie 6 zurück ins Hotel.

Kleine Geldbeutel im Wallfahrtsort Medjugorje.

Man sollte glauben, dass die Unesco-geschützten Altstädte an der Adria im Winter einen besonderen Zauber entfalten, wenn die Kreuzfahrtschiffe ausbleiben und die steinernen Häuser und Gassen wieder den Einheimischen gehören. Dem ist nicht so. Es lebt so gut wie niemand mehr im mittelalterlichen Dubrovnik, Trogir, Kotor oder Budva. Die Wohnungen sind als Ferienwohnungen vermietet, die Kioske und Cafés meist geschlossen. Völlig entkernt sind die Badeorte, die sich als gespenstische Betonkulissen ans Karstgebirge klammern. Allein die Großstadt Split, der nördlichste Punkt unserer Reise, entzieht sich dem bipolaren Wechsel aus aufgepumpter Hauptsaison und kapitaler Leere und lebt ihr Leben einfach weiter.

Um von dort nach Montenegro zu kommen, fährt RSD durch Bosnien-Hercegovina. Und siehe da: Im Wallfahrtsort Medjugorje passiert auch uns ein Wunder! 1981 war hier sechs Kindern die Gottesmutter Maria erschienen. Bis heute folgten inflationäre 40 000 weitere Sichtungen, weshalb der Vatikan Medjugorje offiziell nicht als Wallfahrtsort anerkannt hat. Jedes Jahr besuchen trotzdem Hunderttausende die Wunderstätte mit ihren neongrellen Marien-Souvenirgeschäften.

Und ausgerechnet an diesem irreal anmutenden Ort haben wir zum ersten Mal das Gefühl, eine echte Reise zu machen. Denn allem Kitsch zum Trotz besitzt Medjugorje genau das, was dieser Reise fehlt: Seele. Unser familiengeführtes Hotel kann nur zwei statt der üblichen fünf RSD-Busladungen aufnehmen. Zur Begrüßung reicht man uns selbstgemachten Wein und keine in stummer Akkordarbeit durch den Computer gezogene Zimmerkarte. Hier hätten wir auch übernachtet, hätten wir uns nicht für erstaunliche 21,16 Euro pro Tag unter die Fittiche von RSD begeben.

Bislang hat uns Erdem freundlich-kräfteschonend durch das überaus straffe Programm geführt. Raus aus dem Bus, rein in die Stadt, rein in den Bus: Es kam uns vor, als würden wir stets ein Häkchen unter die insgesamt 16 Besichtigungspunkte machen. Nun aber, da die anderen nach Mostar aufgebrochen sind, sind wir plötzlich auf uns gestellt. Wir haben frei, fast den ganzen Tag! Was tun? Auf den Erscheinungsberg klettern? In der Hauptkirche von Medjugorje den Rosenkranz mitbeten? Uns volllaufen lassen mit 1-Liter-Bierflaschen aus dem Supermarkt? Oder wie üblich erst mal in die Bäckerei zum Kuchen-, Brot- und Börekkauf, dem Dreiklang unserer preissensiblen Selbstversorgung?

Mostar: Die Eskapade kostet uns zehn Euro pro Person.

Nein, wir fahren natürlich auch ins 30 Kilometer entfernte Mostar. Schnell haben sich vier Gleichgesinnte gefunden. Die freundliche Rezeptionistin ruft ein Großraumtaxi, und keine halbe Stunde sitzen wir mit zwei fidelen Ost-Berliner Rentnern und einem netten Ehepaar aus Steglitz im Auto. Freiheit, endlich! Wir fühlen uns wie eine verschworene Bande von Meuterern. Drei Stunden geben wir uns zur jeweiligen Stadtbesichtigung. Um 16 Uhr, wenn es dunkel wird, soll uns der Fahrer wieder zurückbringen. Genug Zeit, um auf der im Bosnien-Krieg zerstörten und 2005 wiederaufgebauten Brücke zu spazieren oder über den kleinen Bioladen in der erst langsam zu Kräften kommenden Fußgängerzone zu staunen. Die Kosten der Eskapade: zehn Euro pro Person. Die anderen haben für den Ausflug mindestens viermal soviel gezahlt. Wir haben fast ein schlechtes Gewissen deswegen.

Tag fünf bringt den Absturz. Von nun an übernimmt RSD wieder unerbittlich die Regie. Am Vormittag besuchen wir ein Dorf mit osmanischer Architektur. Es ist kalt und windig, keiner weiß, was wir hier sollen. Die Ältesten waren weise und sind gleich im warmen Bus sitzen geblieben. Doch das war nur das kulturelle Vorprogramm, die Hülle, mit der verschleiert werden soll, worum es an diesem Tag eigentlich geht. Vlado steuert den Bus auf ein riesiges Containergebäude zu. Wir besuchen ein Teppichlager.

Im Internet kursieren die wildesten Geschichten über diese Verkaufsveranstaltungen, die für RSD auch auf anderen Reisen zum Geschäftsmodell gehören. Dass man einem gnadenlosen Druck ausgesetzt ist. Dass zunächst Mondpreise verlangt werden, die dann wundersamerweise als Schnäppchen auf den Kunden niedergehen. Dass die Ware mangelhaft ist. Dass sie nicht geliefert wird. Dass RSD-Touren in Wahrheit Butterfahrten sind. Dass umgekehrt das Ganze eher harmlos ist. Wir finden: Es ist beides, nur viel schlimmer.

Am Eingang werden wir nicht nur gezählt, sondern müssen uns auch persönlich in eine Liste eintragen. So wird festgestellt, wie hoch die Provision ausfällt, die RSD dafür verlangen kann, täglich neue Besuchermassen ins „Tepih Centar“ zu karren. Im Halbkreis gruppieren wir uns um den Geschäftsführer, einen extrem gepflegten Mittvierziger, sein Deutsch ist tadellos. „Sie sind mit Studiosus gekommen?“ Nein, mit RSD. „Ach, mit RSD.“ Pause. „Na, dann herzlich willkommen.“ Merke: Ist der Sozialneid geschürt, ist der Kunde eher bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

In Porto Montenegro wohnen die Schönen und Reichen

Wir folgen dem Mann in den ersten Stock, demütig wie Schafe. Der Mann hat heute leichtes Spiel. Auf einer absurd langen Couch, die sich an drei Wänden des Verkaufsraums entlangzieht, nehmen wir Platz. Der Geschäftsführer setzt sich derweil in den Schneidersitz in die Mitte. Merke: Wenn der Kunde höher als der Verkäufer sitzt, ist er eher bereit, tiefer in die Tasche zu greifen. „Wünschen Sie Tee?“ Der Mann schnippst mit den Fingern. Wie aus dem Nichts erscheinen zwei Frauen mit zuckersüßem Granatapfeltee.

Dann werden die Teppiche angeschleppt. Kräftige Männer wuchten die Rollen, knallen sie auf den Boden und lassen sie dramatisch ausrollen. Die Männer schwitzen bald, denn auch überteuerte „Neretva-Teppiche“ und kostbare „Seiden-Raritäten“ wiegen schwer. Währenddessen schnippst der Geschäftsführer osmanisch weiter mit den Fingern. Neue devote Diener erscheinen, es knallt und rollt pausenlos. Am Ende kauft, soweit wir mitbekommen, niemand einen Teppich.

In Montenegro besuchen wir zwei weitere Verkaufsveranstaltungen, erst Leder, dann Schmuck. Doch die sind harmlos, verglichen mit der in Bosnien. Wir hätten sogar gleich am Eingang direkt in die Cafeteria gehen können. Doch dann hätten wir die Modenschau verpasst, die sich als echter Augenöffner erwies. Stumm und starr saßen wir auf den schwarzen Samthockern, während die jungen Models in farbenfrohen Lederjacken an uns vorbei defilierten. Wir müssen einen fatales Bild abgegeben haben, denn plötzlich wich der Moderator vom Text ab, fasste sich ein Herz und fragte: „Sagen Sie mal, warum sehen Sie alle eigentlich so fertig aus?“

Eine adrette Dame brach das peinliche Schweigen: „Wir waren gestern auf der Balkan Night im Hotel.“ Das stimmt. Wir waren gestern in Budva tatsächlich auf der „Balkan Night“, haben den donnernden Liedern des Alleinunterhalters gelauscht, während wir vergeblich versuchten, uns am fünf Euro teuren Glas Hauswein festzuhalten. Wir haben sogar mitgeschunkelt, als die Stimmung bei „Que sera, sera“ ihren Höhepunkt erreichte. Da kann man schon mal lädiert aussehen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit: Mitgenommen waren wir von Anfang an.