Ganz schön in die Aare gekommen

Unterwegs auf der Schweizer liebsten Fluss

F.A.S., 6. September 2020

Die Aare kennt in der Schweiz jedes Kind: wie sie sich in Schlaufen blau wie Husky-Augen durch die Bundesstadt Bern windet; wie sie sich wohlig zu vier Seen verbreitert, einer schöner als der andere; wie sie sich tollkühn durchs Gestein schlägt, um am Ende, lebensklug geworden, durch den Kanton Aargau auszugleiten. Die Menschen grillen an ihren Ufern. Sie fahren Schlauchboot auf ihr. Sie ächzen auf Mountainbikes hoch zu ihrer Quelle. Sie werfen sogar säckeweise Kleidung in sie hinein. 288 Kilometer geht das so, dann ist Schluss. Im kleinen Grenzort Koblenz hört die Aare auf, Aare zu sein, sang- und klanglos verschluckt vom Rhein, der ebenfalls in der Schweiz entspringt.

Gerecht ist das eigentlich nicht. Die Aare führt an der Mündung mehr Wasser als ihr durstiger Gevatter. Auch ihr Einzugsgebiet ist größer. Allein an der Länge hapert es: Der Rhein hat an jener Stelle 304 und nicht 288 Kilometer zurückgelegt. Ein paar Kilometerchen mehr, und Städte wie Köln und Rotterdam würden an der Aare statt am Rhein liegen. Die Eidgenossen können aber ganz gut damit leben, dass dem nicht so ist. So bleibt es ihr Fluss, ein betörend blaues Band, das seit Jahren wieder so klar ist, dass man überall auf den Grund sehen könnte – flösse die Aare nur nicht so schnell. Noch in Bern, wo sie das meiste Gefälle schon hinter sich gelegt hat, bewegt sie sich zwei- bis dreimal schneller als ein Fußgänger.

Ganz schön viel Schweiz an einem Stück, dachten wir. Also haben wir Badehose und Wanderschuhe eingepackt und sind mit den Kindern zu ihr gefahren. Schwere Wolken hängen über Meiringen, der ersten größeren Stadt am Oberlauf. Es regnet, es dampft, es rauscht, eigentlich sind wir hier in einer einzigen Wolke. Wo ist da die Aare? Da ist sie ja. In stumpfem Hustenbonbongrün jagt sie durch ihr kanalisiertes Bett. Die Trübung rührt daher, dass die Aare hier noch jede Menge Gletschermilch mit sich führt – feinste Gesteinspartikel, die das Schmelzwasser des Oberaar- und Unteraargletschers ausgewaschen hat.

Die junge Aare im Haslital.

Hier im Haslital muss der junge Fluss seine vielleicht größte Bewährung bestehen. Ein quergestellter Kalkfelsen, das Kirchet, versperrt ihm den Weg. Und so hämmert und schlägt er seit Urzeiten wie ein Tobsüchtiger aufs Gestein. Das Resultat ist die 1,4 Kilometer lange, an manchen Stellen nur zwei Meter breite Aare-Schlucht. Mit Holzstegen hat man sie perfekt für einen gepflegten Spaziergang durch das brüllende Spektakel erschlossen. Nur am Ausgang stimmt was nicht. Wir wollen mit der Bahn zurück nach Meiringen. Von einem Bahnhof ist allerdings weit und breit nichts zu sehen. Es hat lange, sehr lange gedauert, bis wir begriffen haben, dass sich die Haltestelle „Aareschlucht Ost“ in einem Berg befindet. Alle halbe Stunde schieben sich zwei Metalltüren zur Seite, dann sieht man einen Zugwaggon, dessen Türen sich passgenau zu den Metallschleusen öffnen. Wir kommen uns vor wie in einem Science-Fiction-Film.

Richtig stolz ist Meiringen aber darauf, ein Lieblingsort des Schriftstellers Arthur Conan Doyle gewesen zu sein. Wie viele vermögende Briten hatte auch der Erfinder von Sherlock Holmes  gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Schweizer Berge als Refugium für sich entdeckt. Die Stadt hat Sherlock Holmes sogar ein eigenes Museum gewidmet. Doyle seinerseits verewigte Meiringen, indem er den Meisterdetektiv vor der dramatischen Kulisse der Reichenbachfälle in die Tiefe stürzen ließ. Der Tod war freilich nicht endgültig. Weil die Detektivreihe so erfolgreich war, setzte Doyle sie fort, indem er Holmes Widersacher Professor Moriarty dazu bestimmte, bei dem Handgemenge in die Tiefe gestürzt zu sein. 

Eine nostalgische Standseilbahn fährt uns hoch zum tosenden Kampfplatz. Wir wandern weiter über die Gletscherschlucht Rosenlaui bis zur Schwarzwaldalp. Plötzlich hören wir drei helle Hupentöne, das durchdringende Geräusch kommt immer näher. So ähnlich bimmelten früher die Eiswagen, wenn sie in die Siedlung kamen. Was ist das? Es ist das Postauto, das den Gegenverkehr vor engen Kurven warnt. Die Postautos sind eine Institution in der Schweiz, sie fahren überall dort, wo die Bahn nicht hinkommt. Unseres bringt uns direkt zum Hotel in Meiringen zurück.

Die noch jüngere Aare: Grimsel Hospiz im Quellgebiet des Flusses.

Am nächsten Morgen strahlt der Himmel blau. Schnell rein ins Auto und hoch zum Quellgebiet der Aare. Die Hauptstraße 6 windet sich wie ein Korkenzieher hoch ins Berner Oberland. Immer wieder müssen wir Mountainbikern und Rennradfahrern ausweichen, die sich von den Steigungen nicht schrecken lassen. Oben öffnet sich uns ein famoses Panorama: Grün und vollgelaufen klebt der Grimselsee zwischen den Bergen. Eine Staumauer verhindert, dass er überläuft. Direkt davor wird gerade an einer zweiten gebaut. Irgendwo im Westen liegt der Oberaarsee, liegen Oberaar- und Unteraargletscher, die eigentliche Kinderstube des Flusses.

Die alpinen Wasserspeicher sind nur etwas für geübte Wanderer. Also bescheiden wir uns mit einer Baustellenbesichtigung der neuen Staumauer „Spitallamm 2“ und laufen in gelben Warnwesten durch die unterirdischen Stockwerke. Unser Führer klärt uns auf, was es mit der neuen Schichtung aus Kontaktbeton, Vorsatzbeton und Massenbeton auf sich hat. „Spitallamm 1“ wurde von 1925 bis 1932 gebaut, damals eine echte Pionierleistung. Damit aber weiterhin erneuerbare Energie für die nächsten „drei bis vier Generationen“ gewonnen werden kann, sei eine neue Mauer erforderlich. 2025 soll es so weit sein. Die alte werde dann geflutet.

Wir sind beeindruckt von so viel vorauseilendem Konservatismus, tun es jetzt aber der Aare gleich und rauschen talwärts. Ade Grimselsee, ade Grimsel Hospiz, du wunderschönes Hotel mit scharlachroten Tischen auf der Aussichtsterrasse. Jetzt geht’s nach Spiez am Thunersee, eine Fahrt von knapp 2000 Meter Meereshöhe auf klägliche 558. Kläglich? Nichts am Thunersee, der zweiten Aare-Ausbuchtung nach dem Brienzersee, ist kläglich. Man speist mit Silberbesteck unter Palmen. Ausflugsdampfer schippern, und aus dem Hintergrund grüßen die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau. Oh, wie ist das schön! Wir verspüren den brennenden Wunsch nach sofortiger Frühpensionierung.

Thunersee: Die Aare wird zum Freizeitspaß.

Die Kinder wollen Kanu fahren. Na gut. Es wird ein mittleres Fiasko. Der eine will rechts vorbei an den weißen Segelbooten, der andere links vorbei. Der eine sticht hier das Paddel, der andere da. Und was gilt denn jetzt, Paddel rechts oder Richtung rechts? Zu allem Überfluss schwappen auch noch die Bugwellen eines tutenden Ausflugsschiffes ins Kanu. Vom berühmten „Geist von Spiez“, der 1954 die deutschen Fußballer zum Weltmeistertitel trug, ist nichts zu spüren. Die Nationalspieler wohnten damals im Hotel Belvedere in Spiez, wo sie zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenfanden. Wir dagegen haben heute bewiesen, dass man auf dem Thunersee auch scheitern kann, und zwar kläglich.

Umso froher sind wir, dass wir am nächsten Morgen Flurin treffen. Der freundliche junge Mann wird uns in den kommenden dreieinhalb Stunden wohlbehalten von Thun nach Bern bringen: in einem prall gepumpten Schlauchboot, einem Aareböötle. Allein würden wir das kaum schaffen, zu stark scheint uns die Strömung, zu lang die 27 Kilometer „vo Thun uf Bärn“. Flurin reicht uns Neoprenanzüge – „die Aare hat heute nur 18,7 Grad“ – und Schimmwesten. Gemeinsam lassen wir das Boot zu Wasser, und schon reißt uns der Fluss mit.

Wir sitzen dennoch entspannt auf den gelben Schlauchbootwülsten. Flurin führt souverän das Doppelruder. An heißen Wochenenden ist hier die Hölle los, dann sind Hunderte von Aareböötle unterwegs, die den Fluss in eine große Partyzone verwandeln. Wir haben Glück: Heute Vormittag ist aus sämtlichen Einhorn-Schlauchbooten im Kanton Bern die Luft raus. Wälder ziehen vorbei, eine Biberfamilie hat einen Baum angenagt. Ob wir schwimmen wollen, fragt Flurin. Wollen wir – und kippen rücklings ins Karibikblau. Die Strömung trägt uns mit unsichtbarer Kraft, wir glauben zu schweben. Allzu weit vom Boot lassen wir uns aber nicht treiben, sicher ist sicher.

Kurz vorm Schwumm: Marzelibad in Bern.

Trotzdem haben wir einen leichten Drehwurm, als wir hinter dem Marzilibad in Bern auswassern. Wir müssen uns erst mal setzen. Es trifft sich gut, dass gleich nebenan ein lauschiges Café ist. Wir setzen uns ins Gras, essen Flammkuchen und sehen der Aare beim Weiterströmen zu. Wir laufen hoch zum Bundesplatz. Wir laufen unter alten Laubengängen. Wir sehen den Zytglogge-Turm und den furchtbar lustigen Kinderfresserbrunnen. Wir essen Falafel für 18 Franken und planschen kostenlos im Marzilibad. Bern ist eine tolle Stadt. Doch etwas fehlt, wo sie im Jahr 1191 doch eigens innerhalb einer große Aare-Schlaufe gegründet worden ist: der Aareschwumm.

Viele Berner unternehmen ihn im Sommer täglich, am liebsten in der Mittagspause. Der Aareschwumm verläuft meist so: Man packt seine Kleidung in einen Trockensack, wirft ihn ins Wasser, springt schnell hinterher, greift sich das Bündel und lässt sich schwimmend von der Strömung mitnehmen – immer einen geeigneten Ausstiegspunkt im Blick. Erfrischt und angezogen kehrt man dann zurück zur Arbeit.

Lange schauen wir dem nassen Treiben zu, dann wagen wir es: Die Aare nimmt uns auf. Wir sind schnell, verdammt schnell. Wir sehen aus wie eine Entenfamilie auf Speed. Da, das rote Treppengeländer, da müssen wir hin. Wir kommen hin. Die erste Hand greift zu, die zweite, die dritte, die vierte. Es hat uns doch noch ereilt, das Wunder von Bern. Und gleich noch mal, das waren ja nicht mal hundert Meter. Oder anders gesagt: nur etwa ein Dreitausendstel dieses phantastischen Flusses.