Qat ist herrlihc

Nach Djibouti fährt man nicht einfach so. Oder doch?

F.A.S. 12. April 2026

„Nehmt bitte“, sagte Akram und reichte uns zwei knisternde braune Papiertüten nach hinten auf die Rückbank. Wie, jetzt schon?  Es war nicht mal zehn Uhr morgens. Vor zehn Stunden noch saßen wir mit ein paar Dutzend durchtrainierter, tätowierter Amerikaner am Gate des Pariser Flughafens. Akram kannten wir erst seit zehn Minuten, seit er uns mit seinem Land Cruiser am Flughafen von Djibouti abgeholt hat. Er stand ganz in der Ecke, mit getönter Brille und in Poloshirt, ein sauber ausgedrucktes DIN-A4-Blatt unserer Namen in der Hand. Wir waren uns sofort sympathisch.

Mm, warum nicht jetzt? Ganz Djibouti kaut Qat, meist erst ab Nachmittag zwar, und meist nur die Männer, aber irgendwann muss man ja damit anfangen, sich den jungen Trieben von Catha edulis zu widmen, ihre grünen Blätter zu rupfen und zu kauen, wobei man den Brei in der Backentasche lässt, wo sie ihre amphetaminähnlichen Wirkstoffe abgeben, worauf man neue Blätter von den Zweigen rupft und auch diese alsbald in der Backentasche vergisst, während einem die allererstaunlichsten Dinge einfallen, etwa dass die Amerikaner, die ihren Djibouti-Einreisestempel an einem Sonderschalter bekamen, in Wahrheit keine Soldaten waren, sondern eine durchtrainierte Fitnessgruppe.

Qat ist herrlihc, kann aber neben Rechtschreibschwäche auch zu Abhängigkeit, Antriebslosigkeit und extremer Verpeilung führen.

In dem kleinen Land am Horn von Afrika ist die Kaudroge völlig legal. Allerdings wird sie Äthiopien importiert, da in Djibouti so gut wie nichts wächst, erst recht nicht Catha edulis. Der Strauch liebt feuchte Höhenlagen, und Djibouti ist vor allem trocken und tief, sogar die tiefste Stelle Afrikas befindet sich hier. Über die Qualität der eingeführten äthiopischen Bündel wacht seit den 1960er-Jahren die Société Générale d’Importation de Khat.

Dieses Grünzeug in Tadjourah ist kein Qat.

Im August 1977, nur ein paar Wochen nach der Unabhängigkeit von Frankreich, gab es einmal den Versuch, Qat zu verbieten. Das war das Jahr, in dem Thor Heyerdahl mit seinem Schilfboot „Tigris“ im irakischen Basra aufbrach, um zu beweisen, dass die Mesopotamier schon vor 5.000 Jahren über seetaugliche Schiffe verfügten. Nach über 6.000 Kilometern landete die „Tigris“ in Djibouti, weil überall sonst Krieg war. Heyerdahl und elf Mann Besatzung haben das Boot dann abgebrannt aus Protest „gegen Waffenverkauf an die Dritte Welt“. Das war 1978, da war Qat wieder legal in Djibouti.

Akram fuhr los, leise, souverän, auf natürlich Weise verwachsen mit dem beigen Land Cruiser, den ursprünglich dem saudi-arabischen Botschafter in Djibouti gehört hatte. 2012 gründete Akram „Djibouti Adventures“, eines von 30 zugelassenen Touranbietern im Land, aber nur eines von vieren, die diesen Service auch auf Englisch anbieten. Wir hatten die dreitägige Tour „Lac Assal, Tadjoura und Forêt de Day“ bei ihm gebucht. Selbstverständlich würden wir auch Qat kauen. Ganz Djibouti kaut Qat. Für die bequeme Lieferung innerhalb der Hauptstadt wurde 2022 sogar die App „Fast Khat“ entwickelt.

Mauern und Staub. Palmen und Kreisverkehre. Auf einem stand ein kleines rotes Flugzeug aus Beton, „Air Djibouti“ stand darauf. „Hinten am Flughafen sind seit 2002 die Amerikaner stationiert“, sagte Akram, „Camp Lemonnier, über 4.000 Mann. Und die Franzosen, die dürfen sogar ihre Familien mitbringen.“ Tankstellen huschten vorbei. Menschen hockten unter einem Baum. Auf den beiden Papiertüten hatten sich mittlerweile Fettflecken gebildet, denn drinnen war gar kein Qat, sondern zwei Schokocroissants aus einem Supermarktcafé.     

Die Schokocroissants waren herrlich, krümelten aber auch ganz fürchterlich auf den frisch gesaugten Teppichboden der ehemaligen Botschafterkarosse. Die Japaner seien auch hier, führte Akram servolenkend weiter aus, und die Italiener und die Spanier. „Ihr Deutschen“, Akram reichte zwei eisgekühlte Dosen Eiskaffee nach hinten, „seid ja nicht mehr hier.“  

Völlig richtig. Die Bundeswehr zog sich 2010 aus der Operation Enduring Freedom und 2021 aus der EU Operation Atalanta aus Djibouti zurück. Operation 1 diente dem Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Operation 2 soll weiterhin die Seewege zwischen Somalia und dem Golf von Aden sichern. Was die EU-Besatzungen wohl getan hätten, hätten sie Thor Heyerdahl verpeilte „Tigris“ gesichtet?

Akram am Steuer der ehemaligen saudischen Botschafterkarosse.

Hafenkräne und Baustellen. Eine Eisenbahntrasse und ein zwölfgeschossiges Hotel im Nirgendwo. Das alles haben die Chinesen gebaut. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Russland versuchen ebenfalls, in dem friedlichen und strategisch exquisit gelegenen Land mitzumischen. Man könnte glauben, Djibouti existiere nur als Phantasmagorie der Geopolitik, doch erstens lässt es sich die internationale Präsenz meist teuer bezahlen und zweitens ist die ganze Logistik mit ihren Stacheldrähten und Containern weit weg, sobald man Djibouti-Stadt hinter sich gelassen hat. 600.000 der eine Million Einwohner Djiboutis leben im Liefergebiet von Fast Khat, dahinter wird es einsamer.

Wind und ein grauer Canyon: Wir blickten in den Afrikanischen Grabenbruch. Wind und ein gelbes Baiser im Wasser: Wir blickten auf die Teufelsinsel. Weiter ging es bergab, bis es nicht mehr weitergehen kann. Der Lac Assal ist mit minus 157 Metern nicht nur die tiefste, sondern auch die salzigste Stelle Afrikas, eine Fata Morgana in Weiß, bis zu 90 Meter ist die Salzschicht dick, die das Meer vom Golf von Tadjoura über den Lac du Goubet und unterirdisch weiter an das Westufer des Lac Assals gespült hat.

Man steht ein wenig benommen auf den feuchten Krusten, und hätte sich der Blick nicht an einer Gruppe Geologie-Studenten aus Djibouti-Stadt festmachen können, hätten man sich vollends verlieren können in der irrealen Salzpfanne. Auch Widderschädel werden hier versenkt, für die Touristen. Nach ein paar Wochen haben sich riesige Salzkristalle an Kopf und Hörner angelagert, die dann als Souvenir verkauft werden.

Der Lac Assal ist Afrikas tiefste Stelle.

„Let’s go“, sagte Akram und warf seine ausgedrückte Zigarette in den öffentlichen Mülleimer. Nun ging es logischerweise wieder hoch, vorbei an rotierenden Siemens-Windrädern. Ein hellgrüner Suzuki Jimmy kurvte durch ein Feld schwarzer Basaltbrocken, er hatte die Farbe eines junges Qat-Blattes. Wir waren eindeutig wieder auf Meeresniveau, denn das Auto fuhr zum Plage de Goubet. Von dort kann man mit Walhaien tauchen, dafür ist Djibouti mindestes genauso berühmt wie fürs Qatkauen.

Da waren die grünen Bündel doch gerade! Ein Mann kam aus seinem Verschlag gerannt und hatte aufgeregt mit ihnen gewedelt. Warum fuhr Akram an ihm vorbei? Sicher, die Kamelmilch vom Straßenrand, die in 1,5-Liter-PET-Flaschen verkauft wird, konnten wir getrost auslassen, ebenso die jungen Zicklein, die uns als lebende Bündel präsentiert wurden. Aber das hier war Qat. Qat ist herrlihc. Wusste das Akram nicht? „Das ist aus Äthiopien geschmuggelt“, sagte Akram, während er gekonnt den Schlaglöchern auf der 1986 von jugoslawischen Gastarbeitern gelegten Straße nach Tadjoura auswich. „Außerdem nehme ich kein Qat“.

Tadjoura war dann aber doch sehr schön. Zum Sonnenuntergang saßen wir auf der Terrasse des Hotels Le Golfe und aßen gegrillten Thunfisch, während ein ältlicher Straußenvogel mit bandagiertem Brust um Akrams Wagen herumschlich. Das Hotel wurde 1988 von einem ehemaligen Fremdenlegionär aus Italien gegründet und ist bis heute unter Einsatzkräften jedweder Couleur beliebt. Über der Bar hängen ihre Schirmmützen: TGG Büyukada F-512, Commandos Air Djibouti, Norwegian Refugee Council, Real Madrid und natürlich auch die Légion étrangère. 

Hotel le Golfe.

Später am Abend kam dann der äthiopische Botschafter mit einer Ein-Mann-Polizeieskorte vorgefahren und trank eine Flasche Wein mit dem Hotelbesitzer. An Qat dachten weder er noch wir, mehr noch: Die Lust auf die herrlihce Kaudroge war uns vergangen, nachdem wir am Nachmittag ohne Akram über die staubigen Straßen des 15.000-Einwohner-Städtchen geschlendert waren. Qat war überall Tadjoura, zugedeckt von braunen Jutebahnen, gekauft, gekaut und in die Backen gestopft von Menschen, die auf Bordsteinen und auf Pappen saßen. Eine „Mabraze“, wie das gehobene gemeinsame Qatkauen in Djibouti heißt, war das nicht.

Sie muss etwas Wunderbares sein. „Die Mabraze“, schreibt die djiboutische Autorin Mouna-Hodan Ahmed in ihrem 2002 erschienenen Roman „Les enfants du khat“ ist „eine Parallelverwaltung, in der Beförderungen beschlossen, Freundschaften gebrochen, Ehen arrangiert werden“. Nicht hier. Und nicht mit uns. Wir hatten nicht mal Bargeld, schließlich sorgte Akram für alles. Missmutig ließen wir den Tuk-Tuk-Fahrer passieren, der mit ausgebeulter Nachmittagsbacke und „Pablo Escobar“-Schriftzug auf der Windschutzscheibe an uns vorbeiknatterte. 100 Djibouti-Franc kostet solch eine Fahrt, umgerechnet 50 Eurocent. Ein Bündel Qat kostet gern das Zehnfache.  

Akram schien wenig amüsiert über unsere kleine Eskapade. Mit einiger Entschiedenheit lenkte er am nächsten Morgen den sänftengleichen Toyota durch die Straßen Tadjouras, vorbei am Palast des 19. Sultans, der eigentlich wie alle Häuser hier aussah. Er hielt auf der Hafenmole. „Es sind äthiopische Flüchtlinge, die das Qat hier verkaufen“, sagte der 36-Jährige, dessen Mutter selbst aus Äthiopien stammt, sein Vater kommt aus Jemen. „Sie warten darauf, übersetzen zu können nach Jemen. Sie wollen arbeiten in Saudi-Arabien oder Oman, sind aber hängengeblieben hier. Die Überfahrten…“ Der sonst so eloquente Akram, der sechs Sprachen fließend spricht, machte eine Pause. Die Überfahrten seien sehr gefährlich, sagte er.

Hafen von Tadjourah.

Und dann kamen die Boote mit den Franzosen. Sie kamen aus Djibouti-Stadt übers den Golf von Tadjoura getuckert. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt bei ruhiger See. Heute war die See ruhig, heute war aber auch Samstag. Die Franzosen hatten für ihren Wochenendausflug Bier und Boom-Boom-Boxen dabei. Wir beobachteten sie von unseren Liegestühlen am Strand Sables de Blancs, nahmen die Schnorchel, die uns Akram aus dem Kofferraum gereicht hatte, und besahen uns die lautlose Korallenwelt, in der sich Rochen und eine Meeresschildkröte tummelten. Mittags gab es gegrillten Thunfisch in der Strandbar, diesmal aus Obok, wo noch mehr Flüchtlinge gestrandet seien, wie Akram sagte. Am Nachmittag schmiss er seine ausgedrückte Zigarette in den Mülleimer und sagte „Let’s go.“

Nun ging es wirklich hoch, immer höher, so hoch, wie es in Djibouti kaum noch geht. Wir waren auf der RN 12, die sich als aberwitziger Geröllpfad auf 1.500 Meter Meereshöhe windet. Akram lächelte. Je schwieriger es wurde, desto mehr lächelte er. Knietiefe Spurrinnen, furchteinflößende Steigungen. Der ehemalige Botschaftswagen schaukelte wie ein Dromedar über die kahlen Bergrücken. Plötzlich Büsche. Wo kamen die auf einmal her? Wir waren noch keine zwei Tage im Land, trotzdem kamen sie uns vor wie eine ferne Erinnerung. Dann eine Ebene, fast durchgehend grün sogar. Dann die ersten Häuser aus Stein. Wir waren in Day.

Nebel lag über dem Dorf, an dessen Ende eine Sporthalle liegt. Die habe die Regierung gebaut, um die Jugendlichen vom Qat wegzuholen, sagte Akram. In der Hütte auf dem Campingplatz war es am Abend so kalt, dass wir uns in drei Decken hüllten. Wir schliefen wie Steine.

Dorfrand von Day.

Nebel, gnadenlos schleichender Nebel. Oder war es eine Wolke, durch die wir am nächsten Morgen die zehn Minuten zum Forêt de Day rumpelten? Abgestorbene Wacholderbäume überall, die Gerippe sahen aus wie von Blitzen getroffen. Tatsächlich starb der Afrikanische Wacholder einen langsamen Tod. So nebelig es auch meist hier oben ist, im Boden speichern sich die Tropfen nicht. Der Wald leidet unter Austrocknung. Der Klimawandel schlägt auch in Djibouti zu, Überweidung und Erosion tun ihr Übriges.

Der Garten der Sommerresidenz von Präsident Ismaïl Omar Guelleh aber stand in schönstem Grün. Und da wuchs doch auch Catha edulis, nebennebelverhangen zwar, aber deutlich zu erkennen. Im Garten des Präsidentenanwesens wächst Qat! Der sei für das Wachpersonal, erklärte Akram. Der Präsident lasse sich sein Qat jeden Tag per Sondermaschine aus Äthiopien einfliegen.

Der Weg zurück nach Djibouti-Stadt war ein Kinderspiel. Gegen 15 Uhr parkte Akram vor seinem Lieblingsjemeniten, wo wir gegrillten Barrakuda aßen. Gegen 16 Uhr parkte Akram den früheren Wagen des saudi-arabischen Botschafters in Djibouti dann vor dem Supermarkt „Casino“. Er wolle uns unbedingt noch einen Kaffee ausgeben, sagte unser liebgewonnener, scheidender Guide. Wir setzten uns den Tresen des supermarkteigenen Cafés. Die Espressomaschine zischte. Nebenan nahm eine verschleierte Dame eine knisternde braune Papiertüte entgegen.

Die Schokocroissants von Casino sind herrlich, fast so herrlich wie Akram und sein Djibouti.