Himmel und Hölle

Michigan, USA: Roadtrip von Hell nach Paradise

America Journal 1/2024

Dass die Hölle nur 20 Kilometer entfernt ist, kann man sich kaum vorstellen, wenn man durch Ann Arbor läuft. Vor dem Kunstmuseum der University of Michigan verkaufen junge Studentinnen extrem grünes Gemüse. Bücher werden aus Bibliotheken geschleppt, in schlackernden Jutebeuteln zeichnen sich die Umrisse von Langspielplatten ab. Abends sind die Straßen gesperrt, denn draußen trifft man sich zu Livemusik und Cocktails. Wer hier studiert, sollte man meinen, genießt ein sorgenfreies Leben. Und doch lauert die Hölle gleich um die Ecke, genauer gesagt: die 266-Seelen-Gemeinde Hell.

In ewiger Verdamnis waren wir noch nie. Also schnell noch einen Kaffee im Graduate Inn, den wir an einem langen Holztisch mit einem Elternpaar aus Indiana einnehmen („Wir wollen sehen, wo unsere Tochter studiert“). Dann die Landstraße hoch nach Dexter und weiter Richtung Norden: Das ist er, unser Highway to Hell. Aber wo zum Himmel ist Hell? Wiesen, Häuser, warmes Licht: ein amerikanischer Sommermorgen wie aus dem Bilderbuch: Wir könnten den ganzen Tag so weiterfahren, vielleicht sogar bis Paradise, das liegt auch in Michigan, gut 500 Kilometer weiter nördlich auf der dünnbesiedelten Upper Peninsula.

Höllen und Paradiese gibt es viele in den Vereinigten Staaten. In Wyoming thront der Devils Tower, in Utah Angels Landing. In New York brodelt es in Hell’s Kitchen, während man in Florida ein ruhiges Leben in Paradise Hights genießt. Doch nirgends sonst in den USA liegen Himmel und Hölle so nah beieinander wie in Michigan – und gleichzeitig so weit voneinander entfernt, dass man sie auf einem entspannten Roadtrip besuchen kann. Fünf Tage haben wir für unsere Reise an den Lake Huron und Lake Superior im Norden veranschlagt.

Ein grünes Ortschild reißt uns aus den Träumen. „Hell“ steht darauf, einfach nur „Hell“. In dieser Schlichtheit ist das doch etwas Besonderes. Wir fahren auf einen verlassenen Parkplatz. Vögel singen, hinter den Bäumen stehen ein paar Angler an einem See. Warum sollte hier die Hölle sein?

Das grüne Ortsschild reißt uns aus den Träumen.

Darüber, wie Hell zu seinem Namen kam, gibt es zwei Vermutungen. Die unwahrscheinliche geht so: Eines schönen Sommertages in den 1830er-Jahren soll ein Deutscher hier aus seiner abgedunkelten Kutsche ausgestiegen sein und „So schön hell hier!“ ausgerufen haben. Wahrscheinlicher ist Variante zwei. Demnach soll ein gewisser George Reeves, der etwa zur gleichen Zeit hier eine Sägemühle samt Kneipe und Destille betrieb, vom neu gegründeten Staat Michigan gefragt worden sein, wie die kleine Siedlung denn heiße, die er da in die grüne Seenlandschaft gestellt habe. „Mir egal, von mir aus können Sie sie ‚Hell‘ nennen“.

1841 wurde der Name amtlich. Touristisch aufgewertet wird er allerdings erst in jüngerer Zeit. Gleich hinter dem Parkplatz lodern Pappflammen im Rasen einer Minigolfanlage. Daneben steht eine kleine Holzkapelle, schließlich „kennt eine Hochzeit, die in der Hölle beginnt, nur einen Weg: „den nach oben“. Im Shop „Scream“ hat man sich derweil auf höllisches Merchandising verlegt, „Hotter than hell“-Kaffeebecher, „Hell’s Bells“ zum satanischen Preis von 6,66 Dollar, Vampir-Badeenten, „Greetings from Hell“-Postkarten, die man sich auf Wunsch auch fachmännisch ankokeln lassen kann.

So weit lassen wir es nicht kommen. Außerdem noch Midland erreichen, eine Strecke von rund 200 Kilometern. Kurz vor Flint, in den 1990er Jahren bekannt geworden durch den Filmaktivisten Michael Moore, fädeln wir auf die I-75. Schwerlastverkehr donnert. Wir sind im Einzugsgebiet Detroits. Wir aber fahren nach Norden. Unser nächstes Ziel ist Frankenmuth, 1845 von fränkischen Auswanderern gegründet und mittlerweile zu „Michigan’s Little Bavaria“ ausgebaut.

Runter von der Autobahn und rauf auf die M-83. Plötzlich Engel, überlebensgroße Himmelswesen mit goldener Trompete. Sind wir jetzt doch schon in Paradise? Nein, die Engel sind Aufsteller von Bronner’s Christmas Wonderland World, Amerikas größtem Weihnachtsmarkt. Er hat das ganze Jahr über geöffnet (außer Weihnachten und ein paar anderen Tagen). Staunend laufen wir durch die zwei Footballfelder große Halle. Christbaumkugeln, silberne Gartenrentiere, Weihnachtssocken, Krippenfiguren: Alles hängt und steht und glitzert in Tausenden von Ausprägungen. Angesengte Weihnachtskarten allerdings hält man hier nicht vor.

Auch Frankenmuth wirkt auf den ersten Blick ein bisschen kitschig mit seinen Fachwerkhäusern aus Beton. Doch irgendwie haben wir uns das bayerische Erlebnisdorf  unechter vorgestellt. Die alte Holzbrücke über den Cass River jedenfalls ist echt, und der weiß-blau Maibaum könnte so auch in Bayern stehen. Vollendet wird die deutsch-amerikanische Symbiose in der Frankenmuth Brewery. Seit 1862 wir hier Bier gezapft, streng bewacht von „Frankie the Dachshund“, dem allgegenwärtigen Maskottchen in Michigans ältester Brauerei.

Alpines Erlebnisdorf Frankenmuth.

Midland empfängt uns am nächsten Morgen in vollendetem Frieden. Wir wandeln durch die weitläufigen Dow Gardens, wo man all jene Pflanzen bewundern kann, die Herbert Dow von 1899 an gesetzt hat, um sein Anwesen zu verschönern. Herbert Dow war der Gründer von Dow Chemical, und Dow Chemical war lange Zeit der größte Arbeitgeber weit und breit. Die Raffinerien sind mittlerweile verschwunden, die Familie Dow jedoch ist immer noch sehr präsent in Midland. Nur eine dunkle, kurvenreiche Waldstraße von den Dow Gardens entfernt, liegt das Anwesen von Herberts Sohn Alden. Es gilt als herausragendes Beispiel der Mid-Century-Architektur und schmiegt sich so gut in die Landschaft ein, dass wir es kaum finden.

Wir kommen gerade pünktlich zur Gruppentour durch das Alden B. Dow Home and Studio. Unsere Führerin räumt gleich mit einem Missverständnis auf: „Alden hat zwar mit Frank Lloyd Wright zusammengearbeitet, das Haus, das er von 1934 an baute, geht aber auf eigene Ideen zurück.“ Als da wären: zu Rhomben geformte Bausteine, raffiniert gestaffelte Zwischenebenen, farbige Teppichböden, drei Kinderzimmer und ein Wohnzimmer, in dem man auch Theater spielen konnte. Für kreativen Dauerinput sorgte eine Spielzeugeisenbahn, die in unregelmäßigen Abständen unter der Decke quer durchs Haus ratterte. Am Ende der zweistündigen Hausbegehung fragt die Führerin nach unserem Gesamteindruck. „Alden B. Dow hat sich und seiner Familie hier ein Paradies geschaffen“, können wir da nur sagen.

Zehn Kilometer östlich liegt Midlands Schwesterstadt Bay City, die „smelly little town in northern Michigan“, wie Madonna ihren Geburtsort 1987 in einem Fernsehinterview bezeichnet hat. Die Sängerin meinte den Gestank der Chemieindustrie, der früher über Bay City lag, nicht die Stadt selbst. Übelgenommen hat man es ihr trotzdem bis heute. Die ewige Verdamnis beginnt jedoch zu bröckeln, zumindest auf Seiten Bay Citys: 2019 wurde Madonna ein großes Wandgemälde in Downtown gemalt. Wir entdecken es zwischen den alten Backsteinhäusern, in denen früher Rohstoffe zum Weitertransport auf den Lake Huron gelagert wurden. Heute beherbergen sie Galerien und Läden.

Tag drei unserer Flucht aus der Hölle beginnt wieder auf der Autobahn. Unerbittlich streckt sich die I-75 nach Norden. Wälder, Himmel, Wolken, und genug Zeit, die richtige Aussprache von „Mackinaw City“ zu lernen. Die Betonung liegt vorne: MAK-i-naw. So verhält es sich auch mit der acht Kilometer langen Mackinac Bridge, die seit 1957 die Straight of Mackinac überspannt, und auch mit Mackinac Island, alles MAK-i-naw.

Fort Mackinac auf Mackinac Island in der Strait of Mackinac.

Den Wagen kann man getrost in Mackinaw City stehenlassen: Mackinac Island ist autofrei. Pro Jahr setzen rund eine Millionen Gäste auf die Insel über, auf der gerade einmal 583 Menschen leben, die meisten davon als Tagestouristen. Proper liegen die viktorianischen Häuser im Hauptort, die reiche Familien aus Detroit und Chicago hier vor 150 Jahren errichtet haben. Fast alle werden mittlerweile als Hotels und B&Bs genutzt. Fahrräder klingeln, Pferdekutschen klappern, aus sieben Fudge-Geschäften duftet es gleichzeitig nach Karamell.

Abends wird es ruhiger. Wir schlendern zum Carriage House und essen „Lake Superior Whitefish“. Der Whitefish ist das „Brot der Großen Seen“, sagt man. Alle haben ihn gegessen: die Natives vom Stamme der Odawa und Ojibwe; die britischen und amerikanischen Soldaten, die 40 Jahre lang um die strategisch wichtige Insel zwischen Lake Huron und Lake Superior rangen; die Pelzhändler, die hier bis in die 1850er-Jahre ein Vermögen machten; die Gäste des 1887 eröffneten Grand Hotels, das bis heute als eines der opulentesten der ganzen USA gilt.

Am nächsten Morgen leihen wir uns ein Rad und fahren hin. Schwarze Kutschen parken vor der pompösen Eingangstreppe, darüber erstreckt sich die angeblich längste Veranda der Welt. Sie ist 201 Meter lang. Teegeschirr klimpert, Golftaschen werden geschultert. Wir fahren weiter zum Fort Mackinac, in dessen Innenhof Re-Enactors durchs Gras robben. Pulverdampf liegt in der Luft, der sich am Ende der historischen Wehrübung in himmelblauen Wohlgefallen auflöst.

Am Nachmittag haben wir die ganze Insel umrundet, denn der Uferweg ist nur 13 Kilometer lang. Es duftet wieder nach Fudge. Pferdekutschen klappern, die Pferdeäpfel werden von aufgespannten Tüchern aufgefangen. Kann es auf so einer strahlend schönen Insel auch eine Hölle geben? Natürlich! Sie heißt Devil’s Kitchen und ist eine kleine Felsgrotte, welche die Winterstürme in jahrtausendelanger Kleinarbeit aus dem Gestein geschlagen haben.

Dann heißt es Abschied nehmen vom Inselparadies: Paradise wartet. Zurück ans Festland, zurück zum Parkplatz, zurück ins Auto, dann hoch auf die Mackinac Bridge. Nach acht endlos scheinenden Kilometern haben wir wieder festen Boden unterm Reifen. Wir sind auf der Upper Peninsula, jenem nördlichen Teil Michigans, der sich wie ein Dorn aus Wisconsin hinüberstreckt zur Lower Peninsula und nur durch die Mackinac Bridge mit ihr verbunden ist.

Wälder, Tannen und so gut wie gar keine Autos mehr. Nur drei Prozent der Michiganders leben auf der „UP“, wie man die 29 Prozent der Landmasse des Bundesstaates der Einfachheit halber nennt. Wir verlassen die I-75 und biegen auf die M-123. Wälder, Tannen und überhaupt keine Autos mehr. Da endlich, ein Siedlungszeichen, der Eckerman Self Store. Leider geschlossen. Hungrig bestaunen wir die Felle von Fuchs und Vielfraß, die draußen zum Verkauf hängen. Bis Paradise sind es jetzt nur noch 30 Kilometer mehr. Die Finger tippeln auf dem Lenkrad. Dann endlich: das gleiche weiße US-Straßenschild wie vor fünf Tagen. Nur steht diesmal nicht „Hell“, sondern „Paradise“ draufsteht.

Jack verbringt die Winter in Florida.

Wir machen umgehend ein Foto. Und noch eines, und dann noch eines, da war ein LKW im Bild (wo kam der auf einmal her?). Ein älterer Mann mit Baseballkappe trottet über die Straße. Es ist Jack. Jack ist 92 Jahre alt. Beim Blick durchs Küchenfenster sei er auf uns aufmerksam geworden, erzählt er. Ja, es sei ganz hübsch hier, gibt Jack zu. Im Winter lebe er aber in Florida. „Zu viel Schnee hier oben in Michigan.“

Das Paradies ist eben auch nur ein normaler Ort, denken wir, als wir wieder im Auto sitzen. Die Hölle ist es ja auch. Rund 600 Kilometer sind wir jetzt gefahren, ein paar Kilometer hätten wir aber noch, denn am Ende der Landstraße und vielleicht auch am Ende der Welt, wer weiß das schon, wenn man das Paradies hinter sich lässt, liegt Whitefish Point, wo das Great Lakes Shipwreck Museum davon erzählt, welche Schrecken der Lake Superior den Menschen, die auf ihm unterwegs sind, bereiten kann. Dutzende Schiffe sanken hier in den wilden Winterstürmen, zuletzt, 1975, die Edmund Fitzgerald. Alle 29 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Die Schiffsglocke im Museum erinnert an sie.

Wir setzen uns an den Strand. Unendlich groß liegt er da, der Lake Superior. Zwischen verwitterten Baumstämme suchen Spaziergänger nach Steinen. Die Sonne strahlt vom Himmel, und wir klappen die Pappschachtel auf, die wir uns vor zwei Stunden in Paradise besorgt haben. Die „Tsunami Pizza“ ist natürlich längst kalt, schmeckt aber noch immer ausgezeichnet. Wie könnte es auch anders sein? Der Werbespruch der Paradise Pizza Factory lautet ja schließlich „A Slice of Paradise“.