Wasser, Schäre, Wind

Finnische Familienbande zwischen Turku und Åland

F.A.S. 21. September 2025

Fünfundzwanzigtausend Inseln und Inselchen zählt der Finnische Archipel vor Turku. Es ist einer der größten Archipele der Welt, ein amphibisches Zwischenreich einsamer Bootsanleger und glitzernder Ostsee, der den Unterschied zwischen Land und Meer in ein flirrendes Ungefähr auflöst. Angeln kann man in diesem lichten, lauen „Schärenmeer“, das dank den 6.000 Inseln des angeschlossenen Åland-Archipels sogar fast bis nach Schweden reicht. Und nichts tun, verloren gehen vielleicht. Man kann es aber auch sportlich angehen und mit dem Rad über beide Archipele fahren. Durch Brücken und Fähren sind die größten Inseln miteinander verbunden.

„Kinder, wir machen eine Radtour auf der Ostsee! Nicht an der Ostsee, sondern auf der Ostsee!“. Müdes häusliches Abwinken: Immer nur fahren, nie irgendwo ankommen, dazu die Logistik, der Regen, der Gegenwind. „Okay, aber nach Turku und Åland fahren wir trotzdem.“ Tiefgründiges Schweigen wie in einem frühen Kaurismäki-Film. Wir nahmen es als Zustimmung, und dann ging es ganz flott: Zwei Stunden brauchte Finnair, um uns nach Helsinki zu fliegen, zwei weitere, um uns im Bus nach Turku zu befördern. Die Bustickets sahen aus wie Bordkarten – und Finnland so, wie man es sich eben vorstellt: waldreich, sommerhell und weit.

Museumschiff Pommern, Mariehamn.

Gerade als wir Vier eingenickt waren, war der Bus auch schon eingetroffen in Finnlands ältester Stadt. An der Fassade eines Wohnblocks grüßte eine hinreißend vergessene Neongiraffe. Blumenkübel wurden gewässert. Ein leichter Ostseewind rüttelte sacht am Dill des Lachsbrotes. Es gefiel uns augenblicklich hier in Åbo, wie Turku auf Schwedisch heißt. Die Schweden herrschten jahrhundertelang über Finnland; bis zum Einmarsch der Russen 1809 war Turku die wichtigste Stadt des Landes. Heute fühlen sich vor allem Studenten wohl. Das Emblem des Clubs „Dynamo“ etwa ist ein großes knallrotes Fahrraddynamo, das sich bedenklich schräg über den Bürgersteig neigt.

Wer will da noch auf den Archipel? 70 Prozent der finnischen Frühkartoffeln stammen aus dem Schärengarten vor Turku, der neben besagten 25.000 Inseln 22.000 Einwohner, 13.656 Hütten, 9.569 Häuser und eine Million Barsche zählt, wie wir einer Broschüre von 72 Seiten entnahmen. Es hatte nicht den Eindruck, dass wir allzu viel verpassen würden in den drei Tagen, die wir uns für Turku gönnten. Vom Marktplatz sind es nur ein paar Schritte zum Dom, Finnlands ältester Kirche. Sie steht am Aura-Fluss, der sich in kaum messbarem Tempo an Cafés und Museen vorbei zu Turkus Burg bewegt. Weihe des Doms: 1300. Baubeginn der Burg: 1280. Länge zwischen beiden Bauwerken: 4,1 Kilometer. Verirren unmöglich.

Tagein tagaus liefen wir an Turkus nasser Achse entlang, lümmelten im schattigen Dompark und picknickten abends an der Burg. Die dicken Wände gaben die Wärme des Tages ab. Die Oliven aus dem Supermarkt kullerten versehentlich den Hügel hinunter. Wir lachten und schwiegen gemeinsam, was sehr schön war, denn im Alltag waren wir zuletzt einander fast selbst zum Archipel geworden, lose miteinander verbunden durch Frühstück und Whatsapp.  

Museumschiff Pommern, Mariehamn.

Zack, zack, zack, zack: Vier Fahrradschlösser sprangen auf. „Du wolltest doch Radfahren“, sagte die Frau, als wir wieder einmal am Fluss standen und über die merkwürdig groß geratenen Plastikschwäne sinnierten, die ihr Haupt ins heilignüchterne Wasser der Aura tunkten. Wahrscheinlich ein Überbleibsel aus dem Jahr 2011, als Turku Europäische Kulturhauptstadt war. Radfahren, ja, das hatten wir fast vergessen! Also nichts wie rauf auf die sonnenuntergangsfarbenen Leihräder von Föli, dem städtischen Verkehrssystem. Und dann den Uferweg runter, vorbei an den neuen Apartmenthäusern, dem alter Industriekran, den Museumsschiffen im „Forum Marinum“ und dem finnischen Ableger der deutschen Meyer-Werft. Und dann rauf nach Ruissalo, Turkus erster Schäreninsel.

Nachdem wir an zwei Kreisverkehr falsch abgebogen waren, fanden wir die Brücke. Lastwagen donnerten auf der Hauptstraße. Wir bogen in einen Feldweg ab. Auch das war falsch. Der richtige Fahrradweg führte an geschlossenen Cafés in blickdichten Wäldern entlang. Immerhin das Seglerheim hatte geöffnet. Die Familie hatte recht gehabt: Das tagelang bis Mariehamn durchzuexerzieren, war wenig erbaulich.

Auch der Starkregen, der am nächsten Tag über Westfinnland niederging, hätte die Radtour zu einer echten Bewährungsprobe gemacht. Wir verbrachten ihn im Naantali Spa, einem großzügigen Erholungskomplex 15 Kilometer nördlich von Turku. Bleiben lohnt auch ohne Niederschlag: Naantali ist ein historisches Heilbad mit bilderbuchhübschen Holzhäusern und einer sogenannten Moomin World. Wem das nichts sagt: Mumins sind niedliche Trolle, die wie Nilpferde aussehen und auch in Deutschland die Eltern begeisterten, als sie selbst Kinder waren.

Museumschiff Pommern, Mariehamn.

Tuuut! Das war jetzt nicht der kleine historische Ausflugsdampfer, der zu den Inselchen vor Naantali schippert. Das war die „Viking Glory“, ein Gigant von Fährschiff mit Platz für 2800 Passagiere, 584 Pkw und einem Frachtdeck von insgesamt 1480 Metern. Pünktlich um 8:45 Uhr lief sie aus Turku aus, Ankunft Mariehamn 14:10 Uhr, Ankunft Stockholm 18:55 Uhr – Ortszeit, wohlgemerkt. Turku und Åland liegen in derselben Zeitzone, Schweden nicht mehr. Es ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten zwischen finnischem Festland und dem Archipel, das seit 1921 einen Sonderstatus als autonome, neutrale und entmilitarisierte Region genießt. Einzige Amtssprache ist Schwedisch. Auch das hatte der Völkerbund damals beschlossen.

Insel um Insel passierten wir. Bald war der Himmel genauso blau wie die Ostsee. Verdünntes Land, verdünntes Meer, verdünnte Staatlichkeit. Die Fahrt durchs Schärenmeer hat etwas Hypnotisches. Zum Glück ist die „Viking Glory“, wie es sich für skandinavische Fähren gehört, auch ein veritables Kreuzfahrtschiff mit 2934 Betten, mehreren Restaurants und Konzertbühnen. Am Heck ließen uns auf einen witterungsbeständigen Sessel aus Plastikgeflecht fallen. Schäre, Wasser, Wind: Wir schnurrten durch den Finnischen Archipel. Wasser, Schäre, Wind: Wir schnurrten durch den Åland-Archipel. Ein Unterschied war nicht zu merken.

Kurz vor Mariehamn dann das erste Kreuzfahrtschiff. Und noch eines, dazu eine andere Fähre. Die „Viking Glory“ steuerte einen der meistangelaufenen Häfen der Ostsee an; bis zu 30 Schiffe täglich machen hier fest. Wir wuchteten den Familienrollkoffer auf den Hafenbeton. Die Sonne brannte. Möwen schrien. Wir waren auf Åland-Festland, wie dieser Teil des Åland-Archipels heißt – nicht nach fünf Tagen mit dem Rad, sondern nach fünfeinhalb Stunden.

Museumschiff Pommern, Mariehamn.

Ein echter Zugewinn für unsere eigene Autonomie. So hatten wir ebenfalls drei Tage, uns in Fast-Schweden und Fast-Finnland umzuschauen. Wir liefen rauf und runter durch Mariehamns Fußgängerzone. Wir spielten Minigolf bei „Ångbåtsbryggan Adventure Golf“ und aßen feinen Fisch in der Brasserie nebenan. Wir gingen über die Brücke der „Pommern“, einem viermastigen Museumsschiff im Westhafen, und liefen durch den Park hoch zum Rathaus der Stadt, die 1861 von Zar Alexander II. gegründet wurde, der sie nach seiner Frau Maria benannte.

Immer diese Russen, möchte man meinen. Aber sie herrschten nun mal bis 1917 über das Großfürstentum Finnland, zu dem die Ålandinseln damals gehörten. Zu wem sollten sie danach gehören? Die Ålander selbst entscheiden sich für besagtes Autonomiemodell, das nun seit über hundert Jahren hält, angereichert durch eigene Flagge, Briefmarken, Autokennzeichen, Hymne und Internet-Länderkürzel. Dass aber ausgerechnet Russland seit 1940 darüber wacht, dass es weder Soldaten, Militäreinrichtungen noch Manöver auf Åland geben darf, empfinden viele als Zumutung. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sie an Brisanz gewonnen. Und so stehen die rund zwei Dutzend Demonstranten, die sich seither jeden Tag um 17 Uhr vor dem russischen Konsulat versammeln, auch für die eigene Freiheit und Selbstbestimmung ein.

Museumschiff Pommern, Mariehamn.

Die Freiheit. Wo war unsere abgebleiben, da braungebrannte Regattasegler von ihren schicken Booten stiegen und Wohnmobile sich durch die engen Straßen quälten? Wir brauchten eindeutig wieder eine Radtour. Am Osthafen fanden wir einen Verleih, mit Kugelschreiber und Durchschlagpapier, so wie früher. Auch die Räder hatten ihren Charakter bewahrt, was aber überhaupt nichts machte: Die Straße nach Järsö war ein Traum. 25 Grad, leichter Abendwind. Frischer Asphalt ging in Brücken über, die sich katalogreif zwischen blanken Felsen spannten.

Die zweite Tour nach Grelsby war fast noch schöner: Kornfelder, ochsenblutrote Scheunen, bunte Bushaltestelleschilder. Ein Inselelektriker bog ab, sonst waren wir allein. Nach 20 Kilometern hatten wir das Grelsby Strand Hotel erreicht, eine ehemalige psychiatrische Klinik an einem einsamen See, für die wir sogar den Rollkoffer in Mariehamn stehengelassen hatten. Wir aßen Zimtschnecken und sprangen in den See. Wir hörten Mofas der Dorfjugend, die klafterweise Holz in die Sauna entlud. Wir saßen auf Bänken und machten nichts. Wir sahen das Nordlicht am Himmel wabern und schwiegen lang und tief.

Pünktlich um 12:30 Uhr am nächsten Tag verließ die Fähre den Hafen von Mariehamn. Der Gegenwind war erheblich.