SPRAY!

Niagara und die Frage: Wo fallen die Fälle schöner – in Kanada oder den USA?

FA.S. 13. April 2025

Kein Kanadier sagt es laut, denn großsprecherisches Prahlen ist hier fehl am Platz. Und doch weiß wohl jeder, dass die eigene Seite der Niagarafälle nicht nur den größten, sondern auch den beeindruckendsten Anteil an den ohnehin schon sagenhaften 2832 Tonnen Wasser hat, die hier pro Sekunde von der Abbruchkante des Niagara Rivers in die Tiefe stürzen. Der Aufprall ist so gewaltig, dass meist eine Gischtsäule über den Horseshoe Falls steht. Über den American Falls und Bridal Falls auf der US-Seite lümmeln derweil ein paar Schönwetterwolken.

56 Meter tief fällt das Wasser an diesen 670 Meter langen, nahezu perfekt gebogenen Halbkreis, der tatsächlich an ein Hufeisen erinnert. Die USA scheinen da zurückgestuft mit ihrer eher zerklüfteten Niagara-Hälfte: dem unbewohnten Goat Island in der Flussmitte und den beiden kleineren, auf Felsen und Schutthalden fallenden Wassern. Von weitem sehen American und Bridal Falls aus wie eine Wasserfall-Fototapete. Ob Donald Trump auch deswegen Kanada als 51. Bundesstaat der USA einverleiben möchte?

Man könnte es fast glauben, wenn man das erste Mal an der Aussichtsplattform Table Rock steht. SPRAY! Das Tosen und Brüllen sind so gewaltig, dass die Hände unwillkürlich das schmiedeeiserne Geländer greifen. Gischt steigt hoch, Nebel wabert, Sonne bricht durch. Das alles passiert nahezu gleichzeitig, ein milliardenfacher Wirbel aus Wasserstoff- und Sauerstoffatomen, der einem nicht nur den Atem nimmt, sondern auch einen riesigen Regenbogen in den nordamerikanischen Himmel zaubert.

Und alle, wirklich alle sind sie hier am Table Rock und seiner kilometerlangen Promenade: indische Familien in Jeans und Sari, chinesische Paare mit ausgefahrenen Selfie-Sticks, blasse Großstädter, egal in aus welchem Land. Bis zu zwölf Millionen Menschen besuchen nach Angabe von Niagara Parks die kanadische Seite pro Jahr. Der Niagara State Park im Bundesstaat New York zählt mit rund neun Millionen etwas weniger. Man ist leicht versucht, dieses Zahlenspiel weiterzutreiben, die eine Seite gegen die andere aufzurechnen. Doch wem nutzt das am Ende? Sollte man etwa Strafzölle auf Touristen erheben? 

Die Passagiere auf dem Ausflugsschiff des US-Unternehmens „Maiden of the Mist“ jedenfalls sind genauso gut gelaunt wie wir, die wir uns auf dem Schiff der „Niagara City Cruises“ eingefunden haben. Allerdings sind sie schon nass. Sehr nass. Und pinke Plastikponchos wie wir tragen sie auch nicht, sondern blaue.

„Journey behind the Falls“.

Ohne diese Plastikponchos geht kaum etwas an den Niagarafällen. Gelb sind die Plastikponchos für die „Journey behind the Falls“, die auf modrigen Wegen unterhalb der Abbruchkante führt. Dunkelblau sind die kostenlos gereichten Plastiküberwürfe im immersiven 4-D-Kino „Niagara’s Fury“,  das mit Regen und Schütteln über die Entstehung eben jener Kante vor rund 12.000 Jahren erzählt. Taubenblau sind die Regenponchos in der Niagara Parks Power Station, ein ehemaliges Wasserkraftwerk von 1905, dessen 670 Meter langer Tunnel einen wieder direkt an den Niagara River führt.

Nun also ein hundertfaches Poncho-Winken in mittelblau und pink. Ein kurzer Abschiedsblick noch zu den American und Bridal Falls gegenüber, die jetzt überhaupt nicht mehr wie eine Fototapete aussehen, dann nimmt unser Schiff Fahrt auf. Näher, immer näher stampft es  Richtung Horseshoe Falls, und wer sich noch gewundert hat, warum es drei Reihen Reling an Deck gibt, greift sie nun mit beiden Händen. Es wird nass. Sehr nass. Bis auf zwanzig Meter vielleicht kämpft sich das Schiff durch die gewaltigen Wirbel heran, verharrt einen kurzen Moment an dem 670 breiten tosenden Vorhang. Dann dreht es bei, und „Maiden of the Mist“ ist wieder an der Reihe. Alle 15 Minuten startet auf beiden Seiten ein Schiff, eine perfekte Verzahnung, ein amerikanisches-kanadisches Gesamtkunstwerk an Präzision inmitten des aufgewühltes Wassers.

Abends geht es weiter mit der bilateralen Logistik. Verborgene LED-Stationen tauchen die Horseshoe, Bridal und American Falls in wechselnde Farben, ein Schleier aus nächtlichem Regenbogen wabert von Ontario nach New York und wieder zurück. Die zuckerwattehafte Lightshow geht auf eine 1925 eingerichtete gemeinsame „Beleuchtungskommission“ zurück. Aus unserem Zimmer im 16. Stock des Hilton Niagara Falls/Fallsview Hotels können wir sie gut verfolgen. Dass direkt vor uns das Fallsview Casino Resort steht, stört dabei kaum. Und dass ein riesiges Elektro-Billboard an der Fassade pausenlos flackernde Werbung sendet, auch nicht.

Alles ist elektrisch hier, gerade am Abend, wenn auch der Clifton Hill Entertainment District mit seinen Geisterbahnen und Bierschwemmen, dem Riesenrad und einem bedenklich schräg gestellten Werbeaffen zum Leben erwacht. Aber auch das stört keineswegs. In Niagara Falls ist alles weit genug voneinander entfernt, und zwölf Millionen Besucher pro Jahr wollen ja auch unterhalten werden.

Ob Nicola Tesla seine Freude an den elektronischen Powershows gehabt hätte? Die Frage drängt sich auf, schließlich wurde dem serbisch-stämmigen Wunderingenieur 2006 ein Denkmal nahe des Table Rocks errichtet. Die USA übrigens waren da schneller. Das Tesla-Monument auf Goat Island wurde bereits 1976 eingeweiht, ein Geschenk Jugoslawiens an die Vereinigten Staaten.

Die Antwort ist: vermutlich ja. Schon als Junge träumte Tesla davon, die Kraft der Niagarafälle durch ein „gigantisches Mühlrad“ nutzbar zu machen. Es klappte. 1884 in die USA immigriert, schuf Tesla gemeinsam mit dem Unternehmer Westinghouse das erste große Wasserkraftwerk der Welt. 1895 ging es in Niagara Falls in Betrieb – im amerikanischen Niagara Falls, wohlgemerkt. In der kanadischen Schwesterstadt gleichen Namens ist Tesla nie gewesen. Ein Jahr darauf wurden die Straßenlaternen in Buffalo mit Strom aus dem Niagara River zum Leuchten gebracht, bald darauf New York City und irgendwann der Rest der Welt.

Tesla und Westinghouse hatten dabei auf Wechselstrom gesetzt („Alternating Currrent“, kurz AC), denn dieser lässt sich viel besser leiten als Gleichstrom („Direct Current“, kurz DC). Mit dem wollte der amerikanische Erfinder Edison den jungen Strommarkt erobern – und scheiterte. Völlig abgemeldet jedoch ist Gleichstrom auch heute nicht, denn er lässt sich viel besser speichern als Wechselstrom. Direct Current steckt in den Akkus unserer Handys, der Batterie des Rauchmelders an der Zimmerdecke – und im Power Pack des E-Bikes, das wir uns am letzten Tag  unseres durch und durch elektrisierenden Aufenthaltes leihen.

Noch ist nicht erleuchtet: Clifton Hill Entertainment District.

Ein Morgen wie aus dem nordamerikanischen Bilderbuch. Heute brauchen wir keine Plastikponchos, heute brauchen wir nur eine Windjacke, denn unsere beiden „Fat Tire E-Bikes“ sind wahre Monster-Chopper, deren 500-Watt-Motor in kürzester Zeit von 0 auf 32 Stundenkilometer beschleunigen kann. Standesgemäß sind unsere Helme mit US-Sternchen versehen, und so drehen wir erst einmal eine Ehrenrunde zum Table Rock und zum Niagara Parks Power Station and Tunnel, bevor wir auf dem Niagara Parkway Richtung Norden cruisen.

Die Fat Tires schmatzen auf dem Asphalt, der Motor schnurrt wie ein Kätzchen. Mühelos überholen wir ein paar E-Autos, die mit Tempo 30 (Kilometer pro Stunde, nicht Meilen) über den Niagara Parkway schleichen. Unser E-Enthusiasmus rächt sich. Wir haben gerade einmal fünf Kilometer zurückgelegt, und schon ist der Balkenstand von 6 auf 5 Striche geschmolzen. Also etwas weniger Tempo, etwas weniger Hitzköpfigkeit jetzt.

Nach seriösen 15 Minuten schließen wir unsere Monster-Chopper am White Water Walk ab. Ein Fahrstuhl surrt geräuschlos nach unten an den alten Plankenweg, die Türen öffnen sich, und da ist er plötzlich wieder, der reißende Strom. Die Hand greift unwillkürlich das Holzgeländer, denn das Rauschen und Tosen ist auch vier Kilometer nach den Fällen noch immer gewaltig. 48 Stundenkilometer schnell fließt der Niagara River hier, das schaffen selbst unsere Höllen-Bikes nicht. Aber so muss es auch sein, schließlich strömen hier immer noch dieselben 2832 Tonnen Wasser pro Sekunde vom Eriesee in den Ontariosee, und das Gefälle des nur 56 Kilometer langen Flusses ist ohnehin groß.

Alles, wirklich alles reißt dieser Strom mit, Baumstämme, sich selbst, den Gesang der Vögel. Ein Fluss auf Speed, Direct Current, denkt man, spricht es aber nicht aus. Es würde sowieso niemand hören in dem Getöse.