Altes Tor, neues Tor
Verabredet in Dschidda, Saudi-Arabiens zweitgrößter Stadt
F.A.S. 4. Februar 2024
Was für ein schönes, altes Haus, dachten wir, als wir nachmittags um fünf Uhr auf unsere alte Schulfreundin warteten. Kein Vergleich zu den staubigen Wohnblocks hinter der King Abdullah Road, kein Vergleich zu den Elektromärkten, in denen rund um die Uhr dicke, schwere Kartons hinein- und nie hinausgewuchtet wurden, und erst recht kein Vergleich zum postmodernen Leichtbau des Hayy Jameel, das seit 2021 Ausstellungen, Workshops und ein erlesenes Kinoprogramm anbietet. Auch Sweatshirts kann man dort kaufen. Auf denen ist „Born & Raised in JED“ gedruckt, der Flughafencode von Dschidda, Saudi-Arabiens zweitgrößter Stadt.
Dieses Haus ist anders. Mit seinen Holzbalkonen und filigranen Gitterfenstern, den Rawashin, steht das Bait Al Sharbatly beispielhaft für das alte Dschidda und das „Al Balad“, „das Land“, wie Dschiddas sagenumwobene Altstadt seit Jahrhunderten genannt wird. 1918 gebaut, diente das elegante, vierstöckige Gebäude 20 Jahre lang als ägyptische Botschaft, bis es die Familie Al Sharbartly übernahm. Die Sharbatlys sind nicht irgendwer in Saudi-Arabien. Sie sind eine der ältesten Händlerfamilien, reich geworden durch die Versorgung der Pilger nach Mekka und Medina mit Essen und Obst.
Mittlerweise gehört das schön renovierte Haus dem Saudischen Kulturministerium. Und das hatte gerade offenbar dort etwas zu feiern. Limousinen fuhren vor. Golf-Carts parkten am „Neuen Tor“, das auch als „Altes Tor“ bekannt ist, weil es im Zuge der Altstadtsanierung um einige Meter versetzt wurde. Das ist ein bisschen verwirrend, weshalb man am besten ein Foto vom Tor mitschickt, wenn man sich dort verabredet.

Das Handy machte „Pling“. Sie komme leider eine Stunde später von der Arbeit, schrieb unsere alte Schulfreund, die seit fünf Jahren in der 4-Millionen-Einwohner-Metropole am Roten Meer wohnt. Wenn wir Lust hätten, könnten wir ja ins Sharbatly-Haus gehen. Dort werde heute ein Empfang gegeben, eine Reisegruppe würde auch kommen, da fielen wir gar nicht auf. Wir lächelten.
Wir lächelten oft, seitdem wir vor vier Tagen in Dschidda gelandet waren. Wir lächelten, als unsere Schulfreundin Bier aus dem Kühlschrank holte, um uns willkommen zu heißen (Holsten 0,0 %). Wir lächelten, als wir morgens um sieben auf geliehenen Mountainbikes durchs Al Balad kurvten, dessen Häuser aus Korallengestein seit 2014 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Wir lächelten, als wir in einem Kreisverkehr fünf Autos in einem Betonblick stecken sahen, eine von 70 Freiluftskulpturen, mit denen sich Dschidda seit den späten 1960er-Jahren schmückt. Wir lächelten, als ein pakistanischer Uber-Fahrer unser Handy nahm, um die richtigen Autobahnabfahrt zur „Floating Mosque“ zu finden, die sich dann als „Island Mosque“ entpuppte. Wir lächelten sogar noch, als wir in sengender Mittagshitze auf der kilometerlangen „Jeddah Promenade“ spazierten, vorbei an abgedeckten Fahrgeschäften und einem 3D-Druck von Kronprinz Mohammed bin Salman, natürlich lächelnd.
Warum waren wir so gutgelaunt? War es die Gewissheit, wirklich hier zu sein in dem einstmals so verschlossenen Land? Noch vor ein fünf Jahren glich ganz Saudi-Arabien einem einzigen Rawashin, einem jener holzgeschnitzten Gitterfenster, für die nicht nur das Bait Al Sharbatly, sondern die ganze Altstadt Dschiddas berühmt ist. Solch ein Rawashin ist ein echtes Wunderding. Es dämpft das gleißende Sonnenlicht und schützt vor fremden Blicken, während man drinnen alles beobachten kann, was draußen geschieht. Für frische Luft sorgt sie auch noch, selbstverständlich fein dosiert.

Oder lächelten wir deswegen so oft, weil wir das Gefühl hatten, hier in der Küstenregion Hejaz genau am rechten Platz zu sein? Dschidda ist kein aus dem Boden gestampfter Protzplatz wie so viele Städte auf der Arabischen Halbinsel. Jeddah ist uralt. Schon im 7. Jahrhundert landeten die Pilger zu den Heiligen Stätten hier. Mekka lag damals nur zwei Tagesreisen entfernt – kein Vergleich zum Schnellzug heutzutage, der schafft das in 35 Minuten, kein Vergleich aber auch zu den Wochen und Monaten auf hogerSee, welche die Gläubigen aus Indien und Afrika, au Asien und Arabien zu jenen Zeiten unterwegs waren. Nicht wenige blieben: Wer wusste schon, wann das nächste Schiff zurückfuhr? So wurde Dschidda zu einer offenen, kosmopolitischen Stadt. „Dschidda ist anders“, heißt es bis heute, „Dschidda ghayr“.
Jetzt hier zu sein, war keine große Kunst. Das E-Visum war schnell ausgefüllt, der Flug nach ein paar Klick gebucht. Saudi-Arabien will Besucher, und das mit aller Macht. In rasenden Werbeclips katapultiert es seinen Tourismus-Botschafter Lionel Messi durchs Land, lässt Fischschwärme durchs Rote Meer schillern und initiiert ein Großprojekt nach dem nächsten, um sich als Top-Destination eines globalen Event-Tourismus zu positionieren: die „Qiddiya Entertainment City“ bei Riad etwa, deren Bau nach Angabe von „Germany Trade & Invest“ 8,8 Milliarden US-Dollar verschlingen soll, oder das „Red Sea Project“, eine glamouröse Wasser- und Erlebniswelt mit eigenem Flughafen, Baukosten 16 Milliarden.
Auch Jeddah ist Teil dieser „Vision 2030“. Für „Jeddah Central“ sind 20 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Das Projekt enthält den üblichen Mix aus Hotels, Wohnungen und Gute-Laune-Orten, bei dem sich die Frage stellt, wer das alles buchen, kaufen und belegen soll. Verwirklicht ist so gut wie nichts davon. Die Flächen indes sind bereits geschaffen: 2022 wurden sechs große Stadtviertel abgerissen und dabei zehntausende Bewohner vertrieben, meist Immigranten. Darüber redet niemand gern in Dschidda. Vielleicht auch deshalb, weil es nicht zum weltoffenen Ruf der Stadt passt.

Jetzt kam die Reisegruppe zum Sharbatly-Haus marschiert. Unsere alte Schulfreundin war wirklich gut informiert. Wir mogelten uns in die Reisegruppe und schlüpften durch die schwere Holztür des Bait Al Sharbatly. Datteln wurden gereicht, Kekse auf Silbertabletts, winzige Pappbecher, in die saudischer Kaffee gefüllt war. Der schmeckt großartig und wird er aus rohen, grünen Bohnen, weshalb er eher wie Limo aussieht. Wir hatten uns versehentlich neben einen jungen Oud-Spieler auf ein Sofa gesetzt. Ein Saudi in würdevoller Robe postierte sich vor uns und machte ein Foto von uns beiden. Wir setzten unser schönstes Touristenlächeln auf.
Jetzt eine Dattel, und dann noch eine. Die aßen wir schon auf der knarzenden Treppe im alten Haus der Sharbatlys, die hier auf zwei Etagen ein kleines Familienmuseum unterhält. Alte Videorekorder kündeten vom Wohlstandsstolz der 1980er-Jahre, dazu lief ein alter Filmprojektor. Auf einem Beistelltischchen lag eine Duran-Duran-Kassette vom legendären Label 747. Saudi-Arabien war um 1980 herum einer der größten Produzenten von nachgemachten Musikkassetten weltweit. Doch das sagte uns der Mann in der schicken beigen Weste des Saudischen Kulturministeriums nicht, das wussten wir aus dem Internet.
Plötzlich tippte unsere alte Schulfreundin uns von hinten auf die Schulter. „Hallo! Wollen wir los?“ Klar doch, wir wollten ja Fisch essen im „Basali“. Es war unser letzter gemeinsamer Abend, das Baeschen war in den vier Tagen zu unserem Lieblingsrestaurant geworden. Wir traten nach draußen. Es war ungewöhnlich kühl. Aus den Mekka-Bergen war doch noch der Regen gekommen, der sich den ganzen Tag angekündigt hatte. Auf dem Kopfsteinpflaster hatten sich Pfützen gebildet. Feucht waren die Bauzäune aus grünem Kunststoff, hinter denen tagsüber Stück für Stück an der Wandlung der Altstadt zur Kulisse des gepflegten Eventtourismus gearbeitet wird. Es gibt sie noch, die traditionsreichen Cafés, den alten Tischler und die stolzen Hejaz-Häuser. Sie werden aber seltener. Im Sommer wummerten die Bässe eines Technofestivals durch das Gewirr der Häuser aus Korallengestein. „Balad Beast“ hieß das. 2018 ging es noch anders zu. Damals stand das Altstadt-Festival unter dem Motto „Who we were“ und diente der kulturellen Selbstüberprüfung der Stadt.

Ein Golf-Cart surrte durch die menschenleeren Gassen an uns vorbei. Der Mond stand hoch über den Häusern aus Korallengestein. Schief, immer windschiefer standen sie. Manchmal waren sie bereits eingeknickt oder vollends zu Boden gegangen. Plötzlich Leben: Autos, Fußgänger, Träger mit absurden Ballen auf dem Kopf, gelangweilte somalische Teenager.
Da war ja auch der jemenitische Blumenverkäufer wieder, den wir beim ersten Mal hier in der Nähe des Mekka-Tors gesehen haben. Die Haushaltswarenläden mit ihrem Mottenkugelgeruch. Die rumpelnden Kinderwagen. Die Männer mit ihren winzigen Kaffeebechern, die Frauen in ihren schwarzen Niqabs, das Neonlicht der arabischen Buchstaben, die sich in den dunklen Pfützen spiegeln. Diese ganze wunderbare wilde Mischung, die es kein zweites Mal gibt auf der Arabischen Halbinsel. Wir blieben stehen. Wir blieben lange stehen. Was wir eine kluge Freundin wir doch haben, dachten wir. Es war unser letzter gemeinsamer Abend in Dschidda. Sie sprach es nicht aus, aber es war klar, dass wir die Stadt genauso in Erinnerung behalten sollten.
Dann gingen wir rein ins „Basali“, vor rund 70 Jahren gegründet und irgendwann so dezent modernisiert, dass es überhaupt nicht auffällt. Geschwind breitete der Kellner eine Plastikdecke mit schönem Fischmuster auf dem sauberen Tisch aus.