Der Zahnarzt der Turkmenen
Auch unter dem neuen Präsidenten bleibt Turkmenistan ein extravagantes Reiseland
F.A.S. 10. Oktober 2010
Man kann sich Turkmenistan auch ohne ihn vorstellen, man muss es sogar. Präsident Nijasow, der selbsternannte „Turkmenbaschi“, Vater der Turkmenen, ist seit vier Jahren tot. Seine riesigen Portraits sind verschwunden, und auch der Monat Januar heißt nicht mehr wie er. Ob sich sonst noch was verändert hat?
Ins Land zu gelangen ist jedenfalls noch immer schwierig. Ein Visum erhalten Touristen nur nach Einladung durch ein staatlich anerkanntes Reisebüro, wobei die Reise selbstverständlich gleich mitzubuchen ist. Das ist praktisch, auch für den Staat: So kontrolliert er, dass die Besucher stets in guten Händen sind und nicht auf Abwege geraten.
Ein bisschen ist es also wie in Nordkorea, aber eben nur ein bisschen. Turkmenistan ist reich, es verfügt über die viertgrößten Erdgasvorkommen weltweit. Und seitdem der neue Präsident Berdymuchammedow, einst der Leibzahnarzt des Turkmenbaschi, die gröbsten Auswüchse des Führerkults zurückgenommen hat, ist das Land auch für den Westen salonfähig.
Die Einreise am Flughafen von Aschgabat verläuft reibungslos, obwohl wir nur eine Kopie der Einladung vorweisen können. Immerhin ist es eine Farbkopie. Die Sonne geht auf, wir sind in Turkmenistan. Jetzt eine rauchen! Bitte nicht, sagt Gulschat, unsere Führerin für die kommenden acht Tage. In Turkmenistan dürfe man draußen nicht rauchen. Drinnen ja, draußen nein. Ein Landrover fährt vor. In Zukunft wird immer ein Landrover vorfahren. Darin sitzt Kerim, unser Fahrer.
Aschgabat um sechs Uhr morgens, das sind alte Frauen, die leere Straßen fegen; das ist Kerim, der stoisch Tempo 50 fährt; das ist das nervöse Fingern an der Zigarettenschachtel; das ist Gulschat mit ihrer Handtasche auf dem Schoß; das ist die Verheißung, bald die merkwürdigsten Bauwerke ganz Zentralasiens zu sehen.

Noch vor 20 Jahren war Aschgabat eine kleine Stadt am Rande der Sowjetunion. Außer Wohnblöcken, einem Theater und ein paar Bäumen gab es nicht viel. Dann betrat er die Bühne, nicht mehr als Chef der turkmenischen KP, sondern als Präsident des unabhängigen Turkmenistans: Saparmurat Nijasow. Diese Bühne konnte dem Turkmenbaschi nicht genügen. So ließ er sie zum Prunkstück des „Goldenen Zeitalters“ modellieren. Das Zentrum wurde plattgemacht und mit Regierungsbauten, Parks und unzähligen Denkmälern bestückt.
Marmor regiert. Pferde bäumen sich auf. Ein Stier stemmt eine Kugel. Darauf sitzt ein goldenes Kind. Es ist Turkmenbaschi, natürlich. Das Erdbeben von 1948, dem etwa 100.000 Menschen zum Opfer fielen, hatte ihn zum Waisen gemacht – ein Trauma, das der „Vater der Turkmenen“ offenbar nur dadurch überwinden konnte, dass er gleich ein ganzes Volk adoptierte.
Wir laufen durch diesen abstrusen, menschenleeren Setzkasten und wissen nicht, was wir denken sollen. Da, der schiefe Turm von Pisa, seltsamerweise völlig gerade, seltsamerweise in Aschgabat. „Das Finanzministerium“, sagt Gulschat trocken. Da, die Stufen-Pyramide mit fünf Wasserfällen. „Das Einkaufszentrum des Goldenen Zeitalters“. Da, das verglaste Haus in Form eines aufgeschlagenes Buches: „das Haus der freien Kreativität“.
Das ist zu viel für uns. Wir gehen zum Russenmarkt hinter dem „Sheraton“-Hotel und atmen auf: endlich normales Leben. Wir kaufen Manty – gefüllte Teigtaschen – und setzen uns auf eine Parkbank. Gulschat hat gleich einen Hunderterpack Plastikgabeln erstanden. Am liebsten würden wir den ganzen Tag hierbleiben.
Doch Gulschat drängt zum Aufbruch. Das erstaunlichste Monument wartet noch auf uns. Es hat drei Beine und sieht aus wie eine Rakete aus einem Kinderbuch. Doch es lässt sich nicht zünden. Es ist der „Bogen der Neutralität“, marmorverkleidet, 75 Meter hoch und jeden Countdown seit 12 Jahren ignorierend. Auf der Spitze steht der goldene Turkmenbaschi und reckt die Arme zur Sonne. Die Statue ist drehbar. Ein Motor sorgt dafür, dass sie stets zur Sonne blickt.
Eigentlich soll das Denkmal einen traditionellen turkmenischen Topfuntersetzer darstellen. Das haut nicht hin, finden wir – und der neue Präsident offenbar auch. 2011 will Berdymuchammedow den „Bogen der Neutralität“ abreißen und gegen ein noch größeres Denkmal im Süden der Stadt ersetzen. Da haben wir noch mal Glück gehabt! Eine Zahnradbahn bringt uns hinauf zur Aussichtsplattform.
Aschgabat um vier Uhr nachmittags, das ist der Blick auf eine in weißem Marmor erstarrte Stadt; das ist der Blick aufs Kopet-Dag-Gebirge, der Grenze zu Iran; das ist das unhörbare Ticken einer ungeheuerlichen Spieluhr über einem; das ist die Verheißung, bald die Hauptstadt zu verlassen und zum Kaspischen Meer aufzubrechen.

Kerim fährt am Hotel vor. Kerim fährt fünfzig. Kerim hält. Heute wandeln wir auf dem Gesundheitspfad, einem sich etliche Kilometer langziehenden Band in den Ausläufern des Kopet-Dag. Der neue Präsident hat diese Treppen auch schon genommen, wie ein großes Poster am Eingang verrät, und zwar im weißen Jogginganzug. Erstaunlich, wie selten diese Poster sind. Auf uns wirken sie eher harmlos, sie zeigen eine Art modernen Ideal-Turkmenen: Berdymuchammedow joggt, reitet, betet, hat die Ärmel hochgekrempelt.
Das machen wir jetzt auch. Mehr als einen Kilometer schaffen wir aber trotz staatlich verordneten Zigarettenverzichts nicht. Wir fahren weiter nach Nisa, der einstigen Sommerresidenz der parthischen Könige. Bislang glaubten wir, die einzigen Touristen in Turkmenistan zu sein. Ein Irrtum, Franzosen und Amerikaner kraxeln auch auf den rund 2000 Jahre alten Überresten Nisas herum.
Morgen fahren sie in die alte Oasenstadt Merv, dann weiter nach Usbekistan. Wir nehmen den umgekehrten Weg in den turkmenischen Westen. In Serdar (das bedeutet Führer) kaufen wir Proviant für den Abend – Hühnchen, Tomaten und Brot. Heute übernachten wir in der Wüste. Kerim fährt 70. Kerim lächelt. Ins Sumbar-Tal komme er nicht oft, erzählt er. „Ich auch nicht“, sagt Gulschat und fotografiert eifrig mit dem Handy die Canyons, die der Sumbar-Fluss vor langer Zeit herausgewaschen hat. Roter Klatschmohn blüht am Straßenrand. Wir könnten ewig so weiterfahren.
Doch bald die erste Sperre. Wir sind im Grenzgebiet zu Iran. Gut, dass unsere Route in der farbkopierten Einladung vermerkt ist. Kerim hält. Irgendwie haben wir den besten Abzweig in die Wüste verpasst. Kerim steigt aus. Ein guter Moment zu rauchen. Hier, in Sichtweite der gelben iranischen Grenztürme, stört das keinen. Ein kleiner Junge auf einem Motorrad weist uns den Weg. Und dann rein in die Wüste, immer weiter, bis am Horizont drei winzige Minarette zu erkennen sind: die Überbleibsel von Misrian, einem einst prosperierenden Umschlagpunkt der Seidenstraße.

Kerim schließt die Tür zu einer Holzbaracke auf. Gerade noch rechtzeitig. Ein Sturm kommt auf. Nacht ist es schon. Gulschat macht die Petroleumlampe an. Wir waschen die Tomaten. Gulschat zeigt uns, wie man dabei wenig Wasser verbraucht. Und dann essen wir, zwei Touristen und zwei Turkmenen in einer Holzbaracke am Ende der Welt, seltsam zusammengeschweißt und seltsam wieder voneinander getrennt: Gulschat schläft im Landrover, keine Widerrede! Kerim nächtigt neben dem Fahrzeug. Wir bleiben allein in der Hütte.
Marmor! Marmor, wohin man blickt, in der Lobby, in den Fluren, im Restaurant. Wir sind im Hotel Kerwen, einem brandneuen Luxusherberge am Kaspischen Meer. Heute Morgen aßen wir noch Brot in einer Holzbaracke, sahen das klaffende Loch, dass eine mongolische Kanonenkugel in eines der Minarette von Misrian geschlagen hat, entdeckten Abertausende blaulasierte Scherben im Sand. Jetzt haben uns Kerim und Gulschat ins 21. turkmenische Jahrhundert hineinkatapultiert.
Das Kerwen gehört zum gigantischen Ferienkomplex Awaza, der derzeit nahe der Hafenstadt Turkmenbaschi aus dem Boden gestampft wird. 60 Hotels sollen 2020 das Kaspische Meer säumen, so wollte es Nijasow, und so will es auch der neue Präsident. Geöffnet sind bislang fünf. Wir marmorieren uns aus dem Kerwen heraus und setzen uns ans Meer. Der künstliche Kanal von Awaza ist schon eröffnet, Yachtclubs und Restaurants stehen auch. Aber jetzt im April ist kein einziger Tourist zu sehen. Es beginnt zu nieseln. Wir gehen rein.