Dylans Minnesota

Was ist das für ein Land, aus dem Bob Dylan einst aufbrach? 

F.A.S. 27. Januar 2019

 

Well, if you’re travelling in the north country fair
Where the winds hit heavy on the borderline
Girl from the North Country, 1963

A fish truck that loads: Highway in Minnesota.

Schön ist es in Minneapolis, wo der junge Mississippi bereits als mächtiger Strom gen Süden fließt. Kaffee wird aus großen, selbstgetöpferten Bechern getrunken, an denen man sich gut festhalten kann. Es gibt Seen und Joggingpfade, und im Skulpturenpark des Walker Art Center schwingt eine tonlose Glocke, der der Klöckel fehlt. Ein riesiges Bob-Dylan-Wandgemälde gibt es auch, denn der heute 77 Jahre alte Sänger und Literaturnobelpreisträger lebte 1959 eine Zeitlang hier. Gesprüht hat das buntkarierte Triptychon unverkennbar der Brasilianer Eduardo Kobra.

Man könnte meinen, es würde ewig so weitergehen in Minnesota: großstädtisch-freundlich, aufgeräumt und very contemporary. Doch macht man sich auf Richtung Norden, ist all das passé. An der Interstate 35 weht ein schneidender Wind um die Tankstelle. Winter liegt in der Luft, eine erste Erstarrung, die sich bald Stück für Stück aus den Ebenen Kanadas tiefer ins Land hineinfressen wird. Aufgeschäumte Sojamilch gibt es hier auch nicht mehr, stattdessen setzt der Tankwart eine dicke Mütze Sprühsahne aus der Dose auf den Cappuccino.

Hier also beginnt es, das „schöne Nordland“, das für Dylan bereits 1963 in mythische Ferne gerückt war. Am 24. Mai 1941 wurde er als Robert Allen Zimmerman in der Hafenstadt Duluth geboren. Weil der Vater Polio hatte, zog die Familie sechs Jahre später ins nahe Hibbing. Dort arbeitete Abe Zimmerman im Elektrogeschäft seiner beiden Brüder, während sein Sohn zur High School ging, wie ein Besessener Motorrad fuhr und mit seiner Freundin Echo Helstrom Platten hörte. Für die meisten Dylanforscher ist sie das „Girl from the North Country“.

Schwere Wolken hängen über dem größten der Großen Seen, die mit viel Ach und Krach, mit Schleusen und Stürmen mit dem Ozean verbunden sind. Dylans Geburtsstadt liegt an einer eiszeitlichen Abbruchkante am Lake Superior. Es ist der letzte Zipfel eines extrem verdünnten Atlantiks, viertausend Kilometer vom offenen Meer entfernt. 1001 soll der Wikinger Leif Erikson aus Island bis hierher gekommen sein, sagen manche Historiker. Ob’s stimmt? Immerhin ist ein Park an der Uferpromenade nach ihm benannt.

Wollte ich wirklich hierher? Wollte ich wirklich den Blinker setzen auf dem ehemaligen U.S. Highway 61, Dylans „Highway 61 Revisited“? Ich höre Dylan, seit ich 14 war. Damals sang ein merkwürdig gelockter Mann mit noch merkwürdigerer Inbrunst „When the Nights Comes Falling from the Sky“. Es war eine gnadenlos überproduzierte Disconummer. Und doch war es besser als alles, was ich bisher gehört hatte. So begann mein Eintritt ins Dylan-Universum. Und irgendwann wollte ich hierher. Wollte hören, wie das Auto über die Aerial Lift Bridge fährt, über jene hoch- und niedergleitende Eisenkonstruktion, die den Schiffen die Einfahrt vom Lake Superior in den Hafen ermöglicht. Es sirrt und heult wie ein startendes Propellerflugzeug, wenn man mit 15 miles per hour über die Eisengitterstraße fährt. Ich wollte spazieren gehen in der Waterfront Area mit ihren wieder flottgemachten Fischrestaurants, Outdoor-Läden und Mikrobrauereien. Wollte hören vom Eisenerz und Holz, das seit mehr als hundert Jahren von hier über die Großen Seen verschifft wird – und sei es nur während einer Hafenrundfahrt mit dünnem Filterkaffee.

Ed Newman treffen wollte ich natürlich auch. Der Blogger und Künstler ist so etwas wie die graue Eminenz in Sachen Dylan und Duluth. Ihm ist es unter anderem zu verdanken, dass die Stadt 2006 einen drei Kilometer langen „Bob Dylan Way“ zu den wichtigsten Dylan-Sehenswürdigkeiten eingerichtet hat. Jetzt stehen wir beide vor Dylans Geburtshaus, und Ed telefoniert mit Bill Pagel, dem Besitzer des hellen Holzbaus, in dessen oberster Etage die Familie Zimmerman bis 1947 gelebt hat. Pagel ist ein Hardcore-Fan. Der Pharmazeut kauft so gut wie alles auf, was mit Dylan zu tun hat, so auch jetzt. „Bill kann uns leider nicht reinlassen“, sagt Ed. „Er ist gerade in New York, wahrscheinlich auf einer Dylan-Auktion.“

Wir fahren weiter zur Armory, der alten Stadthalle von Duluth. Hier sah Dylan 1959 Buddy Holly – ein Erweckungserlebnis für den 17 Jahre alten Teenager, der mit seiner Schülerband in Hibbing nur krachend-lärmenden Rock ’n’ Roll zustande brachte. Heute steht die Armory leer. Es ist ein gespenstischer Ort, an dessen Wänden sich die alten Farbschichten wie Herbstlaub kräuseln. Klatscht man in die Hände, hört man ein entferntes „Plopp“.

Hibbing’s got the biggest open pit ore mine in the world
Hibbing’s got schools, churches, grocery stores an’ a jail
My Life in a Stolen Moment, 1962

Boyhood Home at Bob Dylan Drive 2425.

Franz Dietrich von Ahlen war sich sicher: Hier liegt Eisen. Er konnte es regelrecht fühlen, als er 1892 von Duluth in die Mesabi Range aufbrach. Die Ojibwe-Indianer wussten es auch: Etwas Magnetisches ging von diesen Hügeln aus. Der deutsche Immigrant aus Wernigerode witterte Großes. 1893 kaufte er Land und gründete eine Stadt. Tatsächlich war Frank Dietrich Hibbing, wie er sich mittlerweile nannte, auf eine der ergiebigsten Eisenadern Nordamerikas gestoßen. Die Mesabi Range zieht sich auf rund hundert Kilometern quer durch den Norden Minnesotas, randvoll gefüllt mit rotem Erz, das leicht über Tage abzubauen und wie geschaffen war für die Industrialisierung an den Great Lakes.

Über zwei Dutzend Tagebaue gab es einst, heute sind es noch sechs. Die Stadt selbst lag ebenfalls auf Eisen, weshalb man sie in den zwanziger Jahren drei Kilometer nach Süden versetzte. „Hibbing is the town that moved“, sagt Mary Keyes begeistert, als wir uns bei „Sammy’s Pizza“ gegenübersitzen. Mary ist rund zehn Jahre jünger als Dylan und war früher Lehrerin an der Hibbing High School. Jetzt bietet sie mit ihrem Mann Joe Dylan-Touren durch das 16.000-Einwohner-Städtchen an.

Aus Mary sprudelt es nur so heraus: dass „Bobby“ von seinem Vater losgeschickt wurde, um die Schulden einzutreiben bei jenen, die bei Zimmerman Furniture and Electric zu lange in der Kreide standen. Dass das „Androy Hotel“, in dem seine Bar Mizwa gefeiert wurde, jetzt ein Altersheim ist. Dass Bobby die Stadt, in der er aufwuchs, nie vergessen habe, zuletzt sei er 2006 mit einem Pick-up vorgefahren, um an einer Beerdigung teilzunehmen „Und wissen Sie, was er seinem früheren Englischlehrer damals gesagt hat? ,Ich habe viel von ihnen gelernt, Mr. Rolfzen!‘ Ist das nicht herrlich?“

Los geht’s zur 7th Avenue East, die neuerdings Bob Dylan Drive heißt. „Wir sammeln auch Geld für ein kleines Denkmal, wir haben ja nicht so viele Nobelpreisträger hier in Hibbing“, berichtet sie weiter, doch da stoppt Joe bereits den Wagen: Hausnummer 2425 ist erreicht. Bobs Adresse von 1947 bis 1959 ist ein taubenblaues, zweigeschossiges Einfamilienhaus in ruhiger Wohngegend. Familie Zimmerman hatte sich mit dem Umzug klar verbessert – und vergrößert: Bobs Bruder David wurde 1947 dort geboren. Ob man mal klingeln könne? „Lassen wir’s“, seufzt Mary. Die jetzigen Eigentümer würden sich leider nicht so sehr um das Haus kümmern.

Also weiter zum prächtigen Backsteinbau der Hibbing High School von 1920. Mit dem Umzug der Stadt wollten die Minenbesitzer den Arbeitern und ihren Kindern bessere Bedingungen schaffen. Löhne wurden erhöht, das Streikrecht wurde gebilligt, und von der Ostküste wurden die besten Lehrer an die neue Schule gelockt. Knapp hundert Jahre später ist die Hibbing High School noch immer ein Mustergymnasium im Mittleren Westen. Große Fresken erzählen von der Besiedlung durch die Weißen, von den Eisenminen und vom Stahl. Auch an die Ojibwe-Indianer hat man gedacht, was zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich war. Und Bob? Wo ist Bob? Joe schließt die Tür zu einer Kammer auf. Da ist er ja! Einige Schüler hatten vor kurzem das Thema Dylan, ihre Schwarzweißcollagen zu seinem Leben sind in dem Abstellraum gelagert. Das Abschlussjahrbuch von 1959 indes ist nicht zu finden. „Wurde geklaut“, sagt Mary, während wir uns vergnüglich durch die anderen Jahrgänge blättern.

Eventually, it was time for me to get out of Minneapolis. Just like Hibbing, the Twin Cities had gotten a little too cramped, and there was only so much you could do.
Chronicles: Volume One, 2004

Dylan-Triptychon in Minneapolis.

Vier Stunden dauert die Fahrt von Hibbing zurück nach Minneapolis. Die Minnesotans haben Kanus auf Autodach und Anhänger geladen: Samstagmorgen, Sonne, zehn Grad! Über zehntausend Seen ziehen sich durch den Bundesstaat, kleine, große, bewohnte, unbewohnte, private. Dylans Jahr in Minneapolis ist merkwürdig blass. Er wohnte in einem Studentenheim in Dinkytown, schlief lange und ließ sich treiben. Die University of Minnesota besuchte er nur, um sich einzuschreiben. Das knallbunte Dylan-Triptychon über dem Parkplatz in Downtown zeigt daher vieles, aber eines zeigt es sicher nicht: Was aus dem quirligen, großmäuligen 18-Jährigen wohl geworden wäre, hätte er in Minneapolis nicht die Folkmusik entdeckt, hätte er hier nicht zum ersten Mal Woody Guthrie gehört, hätte er hier und in der Nachbarstadt Saint Paul am anderen Ufer des Mississippi nicht seine ersten Konzerte gespielt.

Minneapolis weiß, dass es ihn nicht lange halten konnte, und freut sich doch, wenn Dylan alle paar Jahre wieder auf seiner Never Ending Tour auch hier spielt, mürrisch-grummelnd, noch immer merkwürdig gelockt, seit 30 Jahren von einer tollen Band begleitet. 1974 nahm Dylan in Minneapolis sogar einige Songs für das Album „Blood on the Tracks“ auf. Die Sessions fanden im Studio Sound 80 statt, wo drei Jahre später ein junger Mann mit irren Sound-Ideen seine ersten Demos aufnehmen sollte: Prince.

Heute befinden sich in dem Studio die Orfield Labs, eine akustische Forschungsstätte, deren schallisolierte Räume als stillster Ort der Erde gelten. Es wurden bereits minus neun Dezibel gemessen. Das ist dann doch eine Spur zu reizarm, lieber einen Kaffee am Mississippi! Heute kann man ihn sogar draußen trinken. Morgen geht es dann in den Paisley Park. Denn man kann Minneapolis auch treu bleiben, Prince jedenfalls tat es. Bis zu seinem Tod 2016 lebte und arbeitete er in dem riesigen Studio-, Party- und Wohnkomplex vor den Toren der Stadt.