Wenn Präsidenten träumen
Ein Land mit Visionen: Bis 2030 will sich Kasachstan neu erfinden
F.A.S. 10. Februar 2008
Ganz ohne Borat geht es dann doch nicht. Kreuz und quer sind wir durchs Land gereist, haben vergorene Stutenmilch getrunken, in Luxushotels genächtigt, und auch das Denkmal Kazhymuchan Munaitpasows, des einst stärksten Mannes der Welt, haben wir bewundert. Nun warten wir in der CIP- Lounge des Flughafens von Astana auf unseren Rückflug und fragen uns, was wohl das C im Namen der Lounge bedeuten mag.
Eine unserer Begleiterinnen vom kasachischen Tourismusministerium tunkt eine Scheibe Zitrone in ihren Tee. Und weil Zitronenscheiben auch in einer CIP-Lounge ziemlich schnell wiederauftauchen, sobald man sie im Tee versenkt hat, ist ihr Löffel im gelangweilten Dauereinsatz. „Sagt mal, was haltet ihr eigentlich von Borat?“ Die Frage kommt so plötzlich, als wären die vergangenen fünf Tage ein einziges Borat-Vermeidungsprogramm gewesen, als hätten wir uns die ganze Zeit vor dieser vermeintlich entscheidenden Frage gedrückt.
„Ganz witzig, der Film“, brummen wir. „Witzig?“, entgegnet unsere Begleiterin. Keine zehn Minuten habe sie ihn ertragen, dann sei sie rausgegangen. Ob er denn im Kino gelaufen sei, wollen wir wissen. Nein, nein, Freunde aus Amerika hätten ihr eine DVD geschickt. „Schrecklich. Richtig schlecht ist mir geworden. Warum ausgerechnet Kasachstan?“

Der Ärger über Cohens Film ist nicht verraucht. Doch langsam, wie eine Zitronenscheibe, die aus einem tiefen Glas Tee aufsteigt, dämmert es, dass Kasachstan einfach das Pech hatte, für den unbekannten Osten, für all die anderen zentralasiatischen „-stans“ zu stehen. Das Pech? Nicht doch eher das Glück? „Immerhin kennt jetzt jeder Kasachstan“, muss auch unsere Begleiterin zugeben.
Damit das erdölreiche Steppenland noch bekannter wird, hat die Regierung ein Dutzend ausländischer Journalisten zur Rundreise geladen. Das Borat-Vermeidungsprogramm beginnt in der alten Hauptstadt Almaty. 1997 hat sie Präsident Nasarbajew zwar nach Astana verlegt, doch ist Almaty mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern noch immer das eigentliche Zentrum des Landes. Nach China sind es von hier nur ein paar hundert Kilometer. Im Süden glitzern die schneebedeckten Ausläufer des Tian-Shan-Gebirges. In den schnurgeraden, von Pappeln und Eichen gesäumten Straßen stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. 2009 soll endlich die erste U-Bahn-Linie eröffnet werden. Aber nur wenige glauben daran. Zu oft hat sich der Bau in der Vergangenheit verzögert.
Die „südliche Hauptstadt“ ist ein russisches Erzeugnis. Und wie so vieles in diesem Land ist sie noch sehr jung. Im 19. Jahrhundert gründeten die Soldaten des Zaren eine Festung auf dem Almatau, dem Apfelberg. Immer wieder bebte die Erde, zuletzt 1979. Für das nächste Beben sei man „moralisch gerüstet“, verkündet die Reiseleitung, während unser Bus an Fitnesscentern und Restaurants, die in ihrer Vollverglastheit wie Gebäude mit Sonnenbrillen aussehen, vorbeirollt. Die Auferstehungskathedrale im Panfilowzew-Park überstand alle Erschütterungen, weil sie vollständig aus Holz gebaut ist. Auf dem Vorplatz füttern Großmütter und Enkeltöchter mit Schleifen im Haar Tauben. Verknotete Spaßluftballons strampeln unfrei im Wind. Russisch-kasachische Pärchen halten Händchen.
Vielleicht sind es auch Tschetschenen oder Deutsche, die das Idyll mit bereichern. Über fünfzig Nationalitäten leben in Kasachstan. Russen, Tataren oder Uiguren zogen meist freiwillig her. Die Wolgadeutschen hingegen wurden nach Kasachstan deportiert, ebenso Tschetschenen, Polen und Koreaner. Für die Feinde des Zweiten Weltkriegs und ihre Kollaborateure (das Wort hat einen seltsamen Klang – immerhin steckt „Borat“ in „Kollaboration“ drin) wusste Stalin keinen besseren Verbannungsort. Für die Filmwirtschaft übrigens auch nicht. Fast alle sowjetischen Propagandafilme der Kriegszeit wurden in Almaty, das damals Alma-Ata hieß, gedreht. Die Studios in Moskau, Leningrad und Kiew lagen zu nah an der Front.

Diese Geschichten scheinen heute vergessen. Lieber blickt „Eurasiens Zentrum“ in die Zukunft. Zukunft macht Spaß, wenn man über solch immense Erdöl- und Erdgasvorkommen wie am Kaspischen Meer verfügt. „2030“ hat Präsident Nasarbajew als Losung ausgegeben, Plakate mit der Zahl 2030 hängen noch an der abgelegensten Landstraße, derer es im neuntgrößten Land der Welt einige gibt. Was genau das Datum bedeuten soll, weiß keiner so recht. Es ist eine generelle Verheißung, ein Einschwören auf gemeinsames Glück, ähnlich dem Banner einer kasachischen Bank: „Patriotismus, Enthusiasmus, Fortschritt“.
Die zweite Leidenschaft, mit der sich die frühere Sowjetrepublik präsentiert, ist die weitentfernte Vergangenheit. Sieben Wunder zählt ein von Präsident Nasarbajew eingeleiteter Prachtband auf: steinzeitliche Felsritzungen, eine vorchristliche goldene Reiterrüstung, das uralte Nomadenzelt Jurte, die zweisaitige Dombra und zwei Bauwerke aus islamischer Zeit, darunter das beeindruckende Jassawi-Mausoleum in der Stadt Turkestan, Kasachstans 600 Jahre alter Beitrag zum Weltkulturerbe. Allein der bizarre Baiterek-Turm in Astana, der nach einer Eingebung des Präsidenten gebaut wurde, entstammt dem, was wir Gegenwart nennen.
Wir verlassen Almaty. Eben noch hat das bronzene Beatles- Denkmal, das ein kasachischer Enthusiast unter dem Fernsehturm aufgestellt hat, uns mehr als entzückt, haben wir uns vergewissert, dass das nur eine halbe Stunde entfernte Skiresort Shymbulak nicht nur hübsch, sondern auch tauglich ist, die Asien-Winterspiele 2011 auszutragen. Schon sind wir in der Luft. Bei fünf Tagen Kasachstan gilt es, keine Zeit zu verlieren.
Der Hubschrauber landet im Kolsay-Nationalpark. In einem Bergsee spiegeln sich die Tannen. Schäfchenwolken ziehen vorüber. Die Luft ist so klar, dass nur unser russischer Pilot zu rauchen wagt. Irgendwo schnaubt ein Pferd. Würden wir loswandern, könnten wir in zwei Stunden in Kirgistan sein. Das kasachische Visum ist auch dort gültig. Der Weg über Kolsay gilt als schönste Route zum Issyk- Kul, dem legendären See des südlichen Nachbarn. Fünf Tage sollte man als Wanderer von Almaty aus einplanen.

Mit dem Flugzeug geht es weiter nach Shymkent. Von dort sind es nur noch ein paar Kilometer nach Usbekistan. Seltsam, wie oft man in Kasachstan daran denkt, die Grenze zu überschreiten. Das hat nichts mit Flucht zu tun. Die kasachische Gastfreundschaft ist – zumal für Delegierte – beeindruckend. Es hat eher damit zu tun, dass Kasachstan eigentlich nur am eigenen Rand existiert. Wäre das Land eine Uhr, der Zeiger würde über die russisch geprägten Städte im Norden, das Altai-Gebirge im Osten und den zentralasiatischen Süden zum Kaspischen Meer wandern. Dazwischen tickt die große Mechanik des Nichts, klafft die kasachische Steppe, der es gleichgültig ist, ob Menschen oder die Zeit durch sie hindurchziehen.
Kasachstan ist ein Transitland par excellence. Grund zum Bleiben kann es dennoch überall geben. Im Möbelgeschäft des Örtchens Temirlan wird Bier ausgeschenkt. Die Dorfjugend schraubt an Autos herum. Da ist sie endlich, die kasachische Provinz! Wir schreiten zu einem etwa vier Meter großen Denkmal. Es ist Kazhymuchan Munaitpasow gewidmet und zeigt einen furchterregenden Glatzkopf, der hinter seinem Rücken eine Eisenbahnschiene verbiegt. Munaitpasow mag nicht der wichtigste Kasache gewesen sein, aber er war bestimmt der stärkste, ein Ringer und wahrer Knochenbrecher, der all seine Kontrahenten auf den Jahrmärkten von Omsk bis Buenos Aires mühelos besiegte. 1927 wurde ihm dafür der Titel „Held der kasachischen Steppe“ verliehen.
Es sind solche Begebenheiten, die Kasachstan echten Charme verleihen. Drei- bis sechstausend Kilometer von Mitteleuropa entfernt, sind Bedeutungen und Proportionen so verschoben, dass die Verschiebung gerade noch erkennbar, der Raum für genuin Kasachisches jedoch bereits weit geöffnet ist.
Nirgendwo wird diese Phasenverschiebung so deutlich wie in Astana. Wo sind wir hier gelandet? In einem Computerspiel namens „Neue Hauptstadt“? Futuristische Bürotürme allüberall, goldene Kegelbauten ungenannter Bestimmung. Kalter Wind pfeift durch menschenleere Straßen. Astana ist gebautes kasachisches Weltniveau – und zugleich so unwirklich, dass man erleichtert ist, einen Trupp usbekischer Bauarbeiter auf dem Weg zur Mittagspause zu sehen.

Bis zu acht Milliarden Dollar soll der pompöse Auf- und Umbau der ehemaligen Provinzstadt Akmola bislang gekostet haben. Im Erfüllungsjahr 2030 sollen eine Million Menschen in Astana leben. Vielleicht wird man dann wissen, warum Nasarbajew die Hauptstadt vom zwar erdbebengefährdeten, aber dennoch lieblichen Almaty in die leere Steppe verschoben hat. Sicher war es nicht nur eine Laune des seit 1991 mit einiger Bestimmtheit regierenden Präsidenten. Beobachter meinen, dass er sich auf diese Weise der alten politischen Elite Almatys elegant entledigt habe.
Der Fahrstuhl summt den Baiterek-Turm hoch. Baiterek bedeutet Lebensbaum. In seinem Wipfel soll der Wundervogel Samruk einst ein goldenes Ei gelegt haben, das alle Sehnsucht der Menschen enthielt. Die Legende kam Nasarbajew als Sinnbild des neuen Kasachstan in den Kopf. Binnen kürzester Zeit wurde der 97 Meter hohe Turm geschaffen. Aus der vergoldeten Sehnsuchtskugel haben wir einen merkwürdig gelbstichigen Ausblick auf die hypermoderne Stadt.
Wir sehen den „Wassergrünen Boulevard“, eine zwei Kilometer lange Fußgängerzone ohne Fußgänger. Wir sehen eine von Norman Foster gebaute Pyramide, in deren 62 Meter hoher Spitze sich dereinst die Vertreter der Weltreligionen treffen und Frieden schaffen sollen. Auf einmal erklingt auf der Aussichtsplattform ein Lied. Es ist die kasachische Nationalhymne. Sie wird automatisch gespielt, sobald jemand seine Hand in den goldenen Handabdruck des Präsidenten legt.
„Jetzt hab’ ich es“, sagt der Holländer in unserer Gruppe, als in der CIP Flughafenlounge von Astana endlich zum Rückflug aufgerufen wird. Das C stehe vermutlich für „Constantly Important Person“. Schön, dass auch Normalsterbliche in ihr Platz finden.