Wo ist Schrecken?

Das Phänomen Hochrisiko-Tourismus

F.A.S. 3. Januar 2016

Im November 2013 flog Heimo Liendl für drei Tage an den Indischen Ozean. Der Arzt aus Graz war nicht allein, zwei Männer aus Düsseldorf und Brüssel begleiteten ihn. Es muss eine tolle Reise gewesen sein. Turkish Airlines beförderte die drei bequem von Istanbul ans Ziel. Zu sehen gab es reichlich: Bazare, Moscheen, eine alte Kathedrale, einen alten Leuchtturm. Das Hotel war so exklusiv, dass sogar zwei einheimische Minister darin übernachteten. Auch essen konnte man hervorragend, es gab Pizza und Spaghetti, aber auch so ausgefallene Dinge wie Ziegen- und Kamelfleisch.

Das Beste aber war der Strand. Der war so schön, dass die drei Europäer einen Extra-Badetag an den eigentlich nur auf 48 Stunden terminierten Trip anhängten. „Ein extrem weißer Sand und ein unglaublich warmer Ozean“, schwärmt der 52-jährige Liendl noch heute. Andere Urlauber hatte es nicht an diesen schönen Ort gezogen. Um genau zu sein, waren Liendl und seine beiden Reisegefährten die einzigen Gäste, die in das türkisfarbene Wasser des Indischen Ozeans stiegen und fleißig knipsten, als Fischer einen riesigen Tunfisch an Land zogen und ihn sogleich fachgerecht zerlegten.

Es war der Strand von Mogadischu.

Ferien in Somalia, einem der gefährlichsten Orte der Welt? In 25 Jahren Bürgerkrieg ist dieser Staat fast vollständig zerstört worden, Clanwillkür und Anarchie bestimmen den Alltag. Mogadischu ist eine Trümmerwüste: Kathedrale und Leuchtturm, einst der Stolz der italienischen Kolonialherren, hängen als gespenstische Gerippe am Himmel. Im Schatten der Ruinen sitzen junge Männer mit Kalaschnikow und kauen Qat. Die islamistischen Milizen von Al Shabaab sind seit drei Jahren aus einigen Gebieten zwar vertrieben. Doch das Leben will nicht besser werden. Millionen Somalis haben ihre Heimat verlassen. Ausgerechnet dort kann man Urlaub machen?

Man kann. Doch Liendl spricht lieber von einer Extremreise, die er vor zwei Jahren mit dem britischen Veranstalter „Untamed Borders“ in die somalische Hauptstadt unternahm. Extrem sind die Bedingungen dort wahrhaftig. Westliche Ausländer können jederzeit das Opfer von Attentaten, Überfällen und Entführungen werden. Liendl und seine beiden Reisegefährten waren daher stets mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs. „Allerdings haben wir die Security jeden Tag gewechselt“, sagt Liendl. „So gut hätten wir sie gar nicht bezahlen können, als dass sie anderntags nicht versucht gewesen wären, uns zu verraten und an professionelle Entführer zu verkaufen.“

Die Sicherheitsmaßnahmen hatten trotzdem ihren Preis. Rund 3.000 Euro hat jeder der drei für seinen 72-Stunden-Trip bezahlt. Nur gut die Hälfte entfiel dabei auf Flug, Hotel und Verpflegung. „Dafür hatten wir eine exzellente einheimische Reiseleitung“, sagt Liendl. „Unser somalischer Führer war bestens vernetzt und wußte, wo es verhältnismäßig sicher war. Es war derselbe, der sonst Journalisten durch Mogadischu führt.“

Etwas Glück gehörte wohl aber auch dazu, den Aufenthalt in Mogadischu unversehrt zu überstehen. Erst im vergangenen Juli hat ein Selbstmordattentäter wieder mehrere Gäste eines Hotels mit in den Tod gerissen, darunter waren auch Mitglieder der somalischen Regierung. Man mag es kaum glauben, doch für sie ist es noch immer sicherer, in einem Hotel zu übernachten als zu Hause oder in einem Regierungsgebäude.

Abends in der Demokratischen Republik Kongo.

Der Mogadischu-Trip mit Untamed Borders ist nur eine von zahlreichen Möglichkeiten, sein Leben als Reisender in akute Gefahr zu bringen. Eine Flußfahrt auf dem Kongo gefällig? Mit dem ebenfalls britischen Veranstalter „Undiscovered Destinations“ kein Problem. Die 29-Tage-Tour führt über 1.000 Kilometer stromaufwärts bis Kisangani. In Einsatz kommt ein 34 Meter langes Holzboot, das von einem „lizensierten Kapitän“ gesteuert wird, wie es auf der Webpage des Veranstalters heißt. Übernachtet wird am Flußufer, was den „kultureller Austausch mit der lokalen Bevölkerung ermöglichen“ soll. Der Preis für diese „ultimative Kongo-Erfahrung“ im Abenteuergeist des 19. Jahrhunderts: rund 6.000 Euro ohne Flug.

Undiscovered Destinations hat auch eine achttägige Rundreise durch das ostafrikanische Burundi im Programm. Mit der Hauptstadt Bujumbura, Nationalparks und der südlichsten Quelle des Nils sicher eine tolle Reise, die da im April 2016 beginnen soll. Ungünstig nur, dass sich in Burundi seit Monaten ein Bürgerkrieg zusammenbraut, weil der Präsident sich gegen die Verfassung stellt und partout nicht abtreten will. Und noch ungünstiger, dass der Veranstalter erst im hintersten Winkel seiner Webpage auf die prekäre Sicherheitslage hinweist, und auch das nur vage. Offenbar sollen potentielle Kunden nicht verschreckt werden. Immerhin hat das Unternehmen sein Angebot für den Südsudan und die Zentralafrikanische Republik bis auf weiteres gestrichen. Dort toben grausame Kriege.

Im Auswärtigen Amt ist man von dem Hochrisiko-Tourismus der Marke Undiscovered Destinations und Untamed Borders naturgemäß wenig angetan, ist man dort doch jeden Tag aufs Neue damit beschäftigt, genaue Reisehinweise für alle knapp 200 Länder dieser Erde zu geben. Die Gefahrenskala reicht dabei von Sicherheitshinweisen über Teilreisewarnungen bis hin zu vollen Reisewarnungen. Diese enthalten den dringenden Appell, Reisen in ein Land zu unterlassen, da dort unmittelbar Gefahr für Leib und Leben droht. Derzeit sind Reisewarnungen für neun Staaten ausgesprochen. Neben Somalia, Süd-Sudan und der Zentralafrikanischen Republik sind dies der Jemen, der Gazastreifen, Afghanistan, Syrien, Libyen und der Irak.

Autounfall in Aserbaischan
Kann überall passieren: Verkehrsunfall in Aserbaidschan.

Dass jemand trotzdem seinen Explosiv-Urlaub dorthin antreten möchte, kann das Auswärtige Amt freilich nicht verhindern. In Deutschland herrscht Reisefreiheit, und so liegt die Entscheidung über die Durchführung einer Reise „allein in Verantwortung des Reisenden“, heißt es offiziell. Für den Fall der Fälle hat das Auswärtige Amt Ende 2008 aber wenigstens eine elektronische Krisenvorsorgeliste eingerichtet, in die sich jeder eintragen kann, der in unsichere Staaten reist. Die Meldung ist freiwillig, dürfte eventuellen Krisenstäben jedoch die Arbeit erleichtern: Wissen die Mitarbeiter dann doch, wer entführt oder ermordert und entsprechend konsularisch zu betreuen wäre.

Was sind das für Leute, die sich auf derlei Himmelfahrtskommandos einlassen? Eines sind sie mit Sicherheit nicht: naiv. Vielmehr scheinen sie extrem reiseerfahren zu sein – so wie der Ländersammler Bill Altaffer, der mittlerweile in jedem Land der Welt gewesen ist. Jetzt hat sich der rüstige Kalifornier vorgenommen, sämtliche 91 Gebietskörperschaften der Russischen Föderation zu besuchen. Da traf es sich gut, dass Untamed Borders nicht nur Reisen nach Somalia organisiert, sondern auch in den notorisch krisenhaften Nordkaukasus. Altaffer konnte 2014 so Tschetschenien, Dagestan und fünf weitere Teilrepubliken bereisen.

Die Tour hat offenbar so gut geklappt, dass Untamed Borders im Mai 2016 wieder eine Reise durch den russischen Kaukasus anbietet. Die siebentägige Fahrt führt von Wladikawkas ans Kaspische Meer. Besichtigt werden eine grandiose Bergwelt, das ebenso protzig wie kitschig wiederaufgebaute Grosny, die Grundschule von Beslan (2005 Schauplatz einer blutigen Geiselnahme durch tschetschenische Terroristen) sowie Derbent. Die Stadt im Süden Dagestans ist Unesco-Weltkulturerbe und einer der schönsten Orte Russlands. Straßensperren und hohe Polizeipräsenz sind garantiert: Moskau fährt einen harten Kurs gegen die Islamisten im Nordkaukasus.

Dialog mit der Jugend: der Autor 1999 in Abchasien.

Für Mogadischu-Fahrer Liendl wäre das nichts. Das Herz des Österreichers schlägt für den Nahen und Mittleren Osten, seit er 1985 auf eigene Faust in den Iran gefahren ist. „Die Leute waren froh, sechs Jahre nach der Revolution wieder einen Touristen zu sehen“, sagt Liendl, der umgekehrt mindestens genauso froh darüber gewesen sein dürfte, dass sein Aufenthalt in eine zweiwöchige Feuerpause zwischen den damaligen Kriegsgegnern Iran und Irak gefallen war. Weitere Reisen folgten, nach Afghanistan, in den Libanon, in den Irak. Oft war Liendl einer der ersten, die diese an sich klassischen, durch Krieg und Bürgerkrieg jedoch schwer in Mitleidenschaft gezogenen Länder wieder bereist haben. 

Im Irak war Liendl bislang dreimal. 1999 rollte er mit dem Hotelbus von Rotel Tours zu den Kulturschätzen des Zweistromlands. 2007 flog er kurzentschlossen allein nach Arbil, die Hauptstadt der Autonomen Kurdenregion, nachdem Austrian Airlines kurz zuvor als erste westliche Gesellschaft den Flugbetrieb dorthin aufgenommen hatte. 2013 war Liendl dann mit dem Irak-Spezialisten „Hinterland Travel“ im Land. Dort lernte er auch seine beiden Reisegefährten aus Düsseldorf und Brüssel kennen, mit denen er ein halbes Jahr später nach Mogadischu gejettet ist.

Hinterland Travel wurde vor über 40 Jahren von dem Briten Geoff Hann gegründet, einem Irak-Enthusiasten, den weder die Golfkriege noch der Vormarsch des IS davon abgehalten haben, Touristen das Land näherbringen zu wollen. Die meisten von ihnen waren und sind Briten. Offenbar pflegt man im Land der Reiseschriftsteller und des BBC World Service, die vielleicht höchste Form der Weltoffenheit: tolerant, neugierig und hart im Nehmen.

Auch für 2016 hat Hann – so wahnwitzig es auch klingen mag – mehrere 14-tägige Iraktouren im Programm. Bagdad, Kerbala, Najaf, Basra: Die Route klingt wie ein Where-is-Where des Schreckens, Kosten: 3.600 Euro ohne Flug.

Günstiger und weniger gefährlich sind da die Reisen in den kurdischen Nordirak. Sowohl Untamed Borders, Unknown Destinations als auch Hinterland Travel haben sie im Programm. „Lupine Travel“, das jüngste Unternehmen in dem schmalen Markt extremer Abenteuerreisen, hat dabei das preiswerteste Angebot. Die achttägige Bustour beginnt im türkischen Diyarbakir und kostet je nach Teilnehmerzahl zwischen 1.100 und 1.600 Euro. Besichtigt wird zunächst Arbil, das mittlerweile auch von der Lufthansa angeflogen wird. In Sulaymaniyah besucht die Gruppe ein ehemaliges irakisches Gefängnis, das heute zu einem modernen kurdischen Gedenkort umgestaltet ist. Weiter geht es durch schöne Berglandschaften zu Moscheen, Vergnügungsparks und jesidischen Siedlungen, während keine 100 Kilometer entfernt der Terror des IS tobt.