Die ganze Kurische Nehrung

Litauen und Russland teilen sich den längsten Strand der Ostsee 

F.A.S. 21. Juni 2019

Würden die Kinder ihren Spaß haben in Selenogradsk, dem russischen Ostseebad, dessen Namen sie kaum aussprechen konnten? Hätte eine Reise ins litauische Nida nicht genügt? Mit seinem Euro und den gewohnten Eissorten, mit seinen Dünen und den bunten Ferienhäuschen wäre es auf jeden Fall eine sichere Bank gewesen. Sicherheit wird aber auch in Russland großgeschrieben, nur unter völlig anderen Vorzeichen: Mehr als 70 Überwachungskameras seien am Strand von Selenogradsk positioniert, verkündeten allmorgentlich die Strandlautsprecher; „Verbrechen und Terrorismus“ hätten keine Chance.

Aber wir wollten eben die ganze Kurische Nehrung erleben, nicht bloß die Hälfte. 98 Kilometer ragt die sandige Halbinsel von der russischen Exklave Kaliningrad in die Ostsee, ein dürrer, von Kiefern bewachsener Finger, der im Osten das stille Kurische Haff bildet, während vom Meer her immer wieder neuer Sand angespült wird. 52 Kilometer dieses wehenden Haufens gehören zu Litauen, 46 Kilometer zum Gebiet Kaliningrad. Ein magischer Ort, Teil des alten Ostpreußens, dessen Geschichte mittlerweile so verweht scheint wie eine Wanderdüne auf ihrem Weg durch die Zeit. Bis 1945 sprach man hier noch deutsch, hieß Kaliningrad Königsberg und Klaipeda Memel.

Gut 20 Stunden ist die Fähre von Kiel nach Klaipeda unterwegs, den Bauch gefüllt mit litauischen Lastkraftwagen und deutschen Wohnmobilen. Gegen Mittag geht ein Ruck durch die Passagiere. Die Nehrung taucht auf, dunstig und verschwommen zwar, aber eindeutig die Nehrung, ein schmaler gelber Streifen, eingefasst von einem matten Ostseehimmel und einem geisterhaft ruhigen Meer. Wir blicken lange auf diesen scheinbaren Irrtum des Horizonts. Nur die litauischen Trucker zeigen sich unbeeindruckt und rauchen weiter ihre Zigaretten.

Große Düne am Kurischen Haff.

Von Klaipeda geht es noch einmal mit einer kleineren Fähre über das Kurische Haff, dann sind wir auf dem ersten der 98 Nehrungskilometer. Die schnurgerade Landstraße führt durch monotone Kiefernwälder. Ein Verkehrsschild warnt vor einem Elch, doch irgendwie können wir ihm nicht glauben. Was sollte ein Elch in dieser durchrationalisierten Landschaft, in der offenbar jeder Baum im gleichen Abstand zueinander steht?

Das blutwurstrot gestrichene Ferienhaus in Nida entpuppt sich als Volltreffer. Zum Haff sind es nur ein paar Schritte. Vor den Restaurants stehen schwere Holztische, es gibt Krautsalat und Fisch und kuriose Würste, die sich beim Frittieren zu Ankern oder Korkenziehern spreizen. Sand gibt es natürlich auch, in saharischem Ausmaß. Südlich von Nida haben sich die wehenden Körnchen zur Parnidis-Düne, der Hohen Düne, geformt. Über 40 Meter türmt sich der Berg. Hat man ihn erklommen, blickt man gleichzeitig auf Haff und Ostsee. Irgendwo unter uns liegt Nidas alter Pestfriedhof verschüttet. Das frühere Nidden musste in seiner Geschichte dreimal umziehen, so stark war ihm die Düne auf den Leib gerückt. Die Wanderung ist bis heute nicht abgeschlossen, rund einen halben Meter pro Jahr wandert die Parnidis-Düne Richtung Haff.

Nidas zweiter Sandschatz ist jener endlos lange Streifen, den wir bereits von der Fähre aus gesehen haben. Weil alle Nehrungssiedlungen auf der Haffseite liegen, ist  die gesamte Küste im Grunde genommen ein einziger Strand – ein 98 Kilometer langer Urzustand aus Brandung, Dünen und Strandhafer. Alle paar Kilometer finden sich Bohlenwege und Bademeister, Kioske und Kinder, die nach den gewohnten Eissorten verlangen. Klassischer kann man einen Urlaub an der Ostsee nicht verbringen, und wenn es klassischerweise doch einmal nieselt, lässt sich noch immer das Thomas-Mann-Haus besichtigen. Drei lange Sommer weilte der Schriftsteller Anfang der 1930er-Jahre mit seinem Familie in Nida, um an seinem 2000-Seiten-Werk „Joseph und seine Brüder“ zu schreiben.

Zeit, die Komfortzone zu verlassen: Thomas-Mann-Haus in Nida.

Wir haben nunmehr eine Woche an der baltischen EU-Außengrenze verbracht. Der Tag ist gekommen, die litauische Komfortzone zu verlassen. Ist das russische Visum noch im Pass? Ist es. Haben wir vollgetankt? Haben wir. Müssen die Kinder noch mal auf Toilette? Waren sie bereits. Zum russischen Grenzübergang sind es nur ein paar Minuten. Motor aus, Fensterscheiben runter. Vier Autos stehen vor uns. Ob man mal kurz aussteigen sollte? „Mach es nicht“, sagt die Familie unisono, „niemand hier steigt aus“.

Das hier ist noch eine echte Grenze. Und die russischen Grenzbeamtinnen tun alles, den Eindruck zu untermauern. Irgendwann werden die Pässe eingesammelt. Es folgt die Inspektion von Kofferraum und Gepäck, auch der Fahrzeuguntersatz wird mittels Rollspiegel in Augenschein genommen. All das geschieht mit geradezu Helene-Fischer-mäßiger Effizienz. Die Kinder sind mittlerweile ganz still geworden, so still haben wir sie zuletzt in der Delfinshow des Litauischen Meeresmuseums in Klaipeda erlebt.

Nach zwei Stunden ist es geschafft. Der Stempel schnalzt in die Pässe, man wünscht uns gute Fahrt. Wir sind in Russland. Die alte deutsche Reichsstraße liegt wie ein aufgespreiztes Korkenzieher-Würstchen vor uns. Nichts hat sich hier verändert, keine Flurbereinigung hat die Straße gestreckt. Es riecht nach Harz und Sumpf. Es ist die gleiche abgeschiedene Welt der Vorkriegszeit, auch wenn jetzt ab und an dicke russsiche SUVs mit Kaliningrader 39er-Kennzeichen durch sie hindurchbrausen. Es ist die Welt, in der ganz junge Heinz Sielmann 1938 seinen ersten Film „Vögel über Haff und Wiesen“ drehte. Wir könnten hinfahren zur früheren Vogelwarte Rossitten, wo der Abiturient seinen Blick auf die Tierwelt schärfte und die nun „Fringilla“ (Edelfink) heißt. Doch wir wollen ja ankommen in Selenogradsk. Der Name geht uns mittlerweile ganz gut von der Lippen, obwohl es mit „Cranz“, so der deutsche Name des Ostseebads, natürlich leichter wäre.

Selenogradsk hieß früher Cranz.

Nach Nidas gediegener Klarheit kommt uns das 14.000-Einwohner-Städtchen ein wenig großspurig vor. Es wird gehämmert und gebaut. Neue Wohnblöcke und eine Fußgängerzone sind entstanden, dazu eine schicke Strandpromenade mit hölzernen Espresso-Buden und an die 70 Überwachungskameras. In den alten Wasserturm von Cranz ist ein hahnebüchenes Privatmuseum eingezogen, das Katzenbilder aus aller Welt zeigt. Mit ihm habe sich die Gattin eines Moskauer Oligarchen einen Traum verwirklicht, munkelt man.

Doch seltsam, ausgerechnet in dieser verwirrend herausgeputzten neurussichen Herrlichkeit fühlen wir uns vom ersten Moment an wohl, um nicht zu sagen: zu Hause. Das liegt vor allem an unserer Unterkunft, dem „Cranz Westend“. Das dreigeschossige Siedlungshaus aus den 1930er Jahren könnte mit seinem perfekt getrimmten Garten auch ohne Weiteres in Deutschland stehen. Wirtin Elena spricht ausgezeichnet Deutsch und bereitet jeden Morgen ein leckeres Frühstück zu. Eine merkwürdige Vertrautheit geht von diesem Haus aus. Waren wir hier nicht schon einmal?

Das Dèjá-vu setzt sich fort. Auch Selenogradsk pflegt sein deutsches Erbe. Das Kurhaus Cranz von 1821: noch immer in Betrieb. Der Pavillon der Königin Louise: noch immer frisches Quellwasser spendend. Der Stadtpark, das Postamt, die Kopfsteinpflasterstraßen: als wenn es Hitlerdeutschland, als wenn es Flucht und Vertreibung nie gegeben hätte. Nein, hier waren wir noch nie, auch unsere Eltern und Großeltern nicht. Aber eines können wir mit Sicherheit sagen: Sie wären es gern gewesen.