Kosovarische Geschenke

Urlaub in der serbischen Exklave Gračanica

F.A.S., 13. Juni 2021

Dieses Hotel kann es nicht geben, dachten wir. Nicht hier. Der Swimmingpool, die Designerlampen, die maßgeschreinerten Möbel, der unverstellte Ausblick auf die satten, grünen Felder, die Ruhe am Abend, wenn wir auf der Terrasse in das Punktemeer der tanzenden Glühwürmchen starrten: Dieses Hotel war so zurückgenommen und stilvoll, dass man es in der Toskana oder irgendeinem anderen gebenedeiten Landstrich unseres Kontinents vermuten sollte. Aber nicht im Kosovo.

„Oh nein, bitte nicht schon wieder in so ein komisches Land“, hatte unsere damals zwölfjährige Tochter geklagt. Tatsächlich gibt Europas jüngster, erst 2008 unabhängig gewordener Staat ein eher ungewöhnliches Reiseziel ab. 1998/99 tobte hier der letzte der jugoslawischen Zerfallskriege. Seither sichern KFOR-Soldaten den fragilen Frieden zwischen Albanern und Serben (derzeit sind es noch rund 3.400, darunter 80 deutsche). Die beiden Volksgruppen leben nach wie vor in ignorantem Argwohn nebeneinander: Serbische und albanische Kinder begegnen sich selbst dann nicht, wenn sie auf dieselbe Schule gehen: Die einen haben am Vormittag Unterricht, die anderen am Nachmittag.

Wechselunterricht kennen wir ja jetzt ebenfalls, wenn auch nicht aus ethnischen, sondern aus pandemischen Gründen. Und gerade deshalb kommt uns nun dieser letzte Familienurlaub vor Corona als eine letzte unbeschwerte Zeit vor. Das schnörkellose, minimalistische Hotel Gračanica mit seinen 15 Zimmern hatte daran gehörigen Anteil. Ohne das erste und bislang einzige Boutique-Hotel des Kosovos hätten wir den Kindern die Reise kaum schmackhaft machen können. „Ja, der Pool sieht ganz cool aus“, gab die Tochter schließlich zu, als wir ihr die Bilder im Netz gezeigt hatten.

Doch, diesen Pool kann es geben: Hotel Gračanica.

Sinkflug auf ein dichtbesiedeltes, grünes Hügelland. Von oben sieht der Kosovo aus wie das Allgäu, bloß mit Minaretten. Metallene Dächer gleißen im Mittagslicht, wir erkennen geschwungene Straßen und eine Autobahn. Irgendwie haben wir uns das ärmlicher vorgestellt. Die Überraschung setzt sich fort, als wir kurz vor Prishtina nach Osten abbiegen. Ein riesiges Einkaufszentrum, ein großer Kreisverkehr und noch immer kein einziges Schlagloch: Wir sind in der Stadt Gračanica, und kurz darauf schwimmen wir bereits im Pool des gleichnamigen Hotels. Die Kinder prusten. Der Oleander duftet. Eine eigene Mineralwasserquelle gönnt man sich hier ebenfalls, aus der es unablässig sprudelt.

Halbe Sachen sind offenkundig nicht das Ding des Hotelgründers Andreas Wormser. Als Attaché der Schweizer Regierung war er nach dem Kosovokrieg für die Repatriierung der Flüchtlinge verantwortlich – kein leichtes Unterfangen in einem Land mit wenig Staatlichkeit und hoher Arbeitslosigkeit. Besonders schwer hatte es dabei die Volksgruppe der Roma. Wormser wollte das nicht hinnehmen. Er nahm all sein Geld, löste seinen Schweizer Wohnsitz auf und baute gemeinsam mit zwei befreundeten Roma-Architekten seinen Traum eines besseren Kosovos. Das 2013 eröffnete Gračanica sollte ein Beispiel geben für das friedliche Zusammenleben aller Volksgruppen, nicht nur der 1,9 Millionen Kosovo-Albaner und 130.000 Serben, sondern auch der schätzungsweise 30.000 Roma.

Es funktioniert ganz gut. Die 16 Mitarbeiter wechseln mühelos vom Albanischen ins Romani oder vom Serbischen ins Englische. Uns ist es sowieso egal, wer zu welcher Ethnie gehört. Die Kinder springen unverzüglich wieder in den Pool, nachdem sie sich an „Pizza Roma“ stattgegessen haben. Wir greifen derweil zu Bauernkäse und Hackbällchen. Schön ist es hier, wirklich schön. Und doch haben wir den Eindruck, dass dieses wunderschöne Hotel mit seiner wunderschönen Gründungsidee vielleicht doch ein bisschen übers Ziel hinausschießt. Nur verschwindend wenige Touristen zieht es bis heute in das kleine, rautenförmige Land. Und die „Schatzis“, wie die Kosovo-Albaner ihre mutmaßlich reichen Verwandten aus Deutschland und der Schweiz nennen, übernachten auch nicht im Gračanica, wenn sie auf Familienbesuch in der alten Heimat sind.

Doch, dieses Fresken kann es geben: Kloster Gračanica.

Dabei ist der Kosovo ein vorzügliches Reiseland. An der Grenze zu Montenegro liegt die enge, laute, mit Balkanpop durchdudelte Stadt Peja, serbisch Peć, die zugleich einen guten Ausgangspunkt zum allgäuhaften Wandern auf den Almen oberhalb der Rugova-Schlucht abgibt. An der Grenze zu Albanien liegt Prizren, dessen ottomanische Altstadt zu den intaktesten des Balkans zählt. Im Norden, auf der Grenze zum serbischen Siedlungsgebiet, liegt die geteilte Stadt Mitrovica. Deren Besuch ist allerdings nur etwas für Politvoyeure, immer wieder kommt es dort zu Spannungen. Länger als zwei Stunden braucht man von Gračanica zu keinem der genannten Orte, die Straßen sind meist hervorragend ausgebaut. Gezahlt wird in Euro, auch das ist praktisch.

Und Gračanica? Sind wir hier im Kosovo oder nicht doch eher in Serbien? Aus Sichtweise Belgrads natürlich in Serbien, aus Sichtweise Prishtinas natürlich im Kosovo. Tatsächlich sind wir in der serbischen Exklave Gračanica im Kosovo. Auf der Hauptstraße brettern Reisebusse mit serbischen Kennzeichen. In den Cafés flimmert alles Mögliche, bloß kein albanisches Fernsehen. Und am Kiosk bekommen wir keine Zehn-Eurocent-Münze für das Eis am Stiel zurück wie üblich, sondern einen Zehn-Dinar-Schein. Den behalten wir als Souvenir und laufen eisschleckend weiter zum Kloster der Stadt.

Im Kosovo stehen die bedeutendsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche. Gleich drei von ihnen hat die Unesco 2006 zum Weltkulturerbe erklärt, so auch das in Gračanica. Noch vor ein paar Jahren schützen KFOR-Soldaten die hier lebenden Nonnen. Nun sorgt eine Verhaltenstafel am Eingang für den nötigen Respekt. Verboten sind Schusswaffen, Zigaretten und Hunde, erlaubt ist züchtige Kleidung. Das Schild heißt einen in zwölf Sprachen willkommen, von Polnisch bis Japanisch, bloß nicht auf Albanisch. Dabei könnten die Fresken aus dem 14. Jahrhundert auch für die Kosovo-Albaner eine Augenweide sein.

Nationalbibliothek des Kosovos in Prishtina.

Die Kinder jedoch gähnen bald. Also rein ins Auto und ab ins Anija, einen bizarren Restaurantpark mit Eifelturm, Piratenschiff und barocken Springbrunnen. Wir setzen uns an einen schattigen Tisch und blicken auf eine zehn Meter lange Leinwand, auf der ein Sommerhimmel gemalt ist. Davor ist ein seichter Teich angelegt, über den eine unsichtbare Maschine in geheimer Abfolge winzige Kräuselwellen schickt. Serben meiden diese Simulation der großen, weiten Welt. Dabei ist sie eigentlich ganz charmant, und die „Pizza Tirana“ schmeckt auch, zumindest uns.

Nach Prishtina haben wir es ebenfalls nicht weit. Gračanica ist quasi ein Vorort der mittlerweile auf über 150.000 Einwohner angeschwollenen Hauptstadt. Der bekannte Kreisverkehr, das bekannte Einkaufszentrum, die bekanntermaßen fehlenden Schlaglöcher: Dann sind mittendrin in diesem merkwürdigen Nebeneinander aus urbanem Wildwuchs und neuer, aufstrebender Gradlinigkeit. Es wird viel gebaut in der kosovarischen Metropole, Büros, Kirchen, breite Straßen. Wir halten am Clinton-Boulevard, wo die Statue des früheren US-Präsidenten steht. Die Clintons gaben der internationalen Anerkennung des Kosovo gehörig Auftrieb, und so wundert es nicht, dass auch ein Bekleidungsgeschäft in der Nähe den Namen „Hillary“ trägt.

Wirklich verblüfft jedoch sind wir von den Bauten aus jugoslawischer Zeit, dem brutalistischen Jugend- und Sportpalast von 1977 etwa oder dem dreieckigen Haus des Rundfunks. Einsamer Höhepunkt der Betonmoderne ist die Nationalbibliothek des Kosovo. Es ist ein wahres Monstrum aufpoppender Kuppeln und Würfel, das von einem Netz aus 70.000 Aluminiumstreben zusammengehalten wird. Das Gebäude des kroatischen Architekten Andrija Mutnjaković wurde 1982 eröffnet. Es war das letzte „Geschenk“ Belgrads an den Kosovo. Danach wurde die Provinz systematisch vernachlässigt. Schulen verfielen, Straßen verfielen, Bindungen verfielen.

So gesehen, kam Hotelgründer Wormser vielleicht doch nicht zu früh mit seinem Gračanica. Touristisch zu vernachlässigen ist die Republik Kosovo jedenfalls nicht mehr – und mit dieser famosen Anlage schon gar nicht. Tritt man heraus aus dem Hotel, grüßen die Nachbarn aus penibel gepflegten Gärten.