Der Regen ist ein König

Atlantischer Tiefausläufer: Die Azoreninsel Faial im Winter

F.A.S. 21. Januar 2024

Von wegen Azorenhoch! Da draußen im Atlantik hat sich ein riesiges Tiefdruckgebiet zusammengebraut. Es ist ein regelrechter Sturm, den die Wetter-App „Windy“ als zeitgerafften Strudel jagender Pfeile auf das Handy unseres Stehnachbarn schickt. Und so ist dieser auch kaum überrascht, dass der Vorfeldbus, kaum dass er vor der 8-Uhr-Maschine nach Faial gehalten hat, unverrichteter Dinge zurück zum Terminal fährt. „Der Wind auf Faial zu stark zum Landen“, sagt unser netter Stehnachbar. „Das bekommen selbst die Piloten von Azores Airlines nicht hin.“

Auch gut, denken wir, die Hände fest in die Handschlaufe über uns geklammert, dann muss Faial, Portugals drittletzter subtropischer Außenposten im Atlantik, eben noch warten. Der Flug ist auf morgen verschoben, und Lissabon ist auch im winterlichen Sprühregen noch immer eine schöne Stadt, durch die wir in wulstiger Berliner Winterjacke laufen und einen Galão nach dem anderen trinken. Kalt ist es nicht. Nur nass. Am Ufer des aufgewühlten Tejo hat jemand eine Sandburg aufgebaut. Die Wellen klatschen und nagen an der bröckelnden Mauer.

Am nächsten Morgen sieht es besser aus. Adeus, atlantischer Tiefausläufer, adeus, wolkenverhangenes Lissabon! Jetzt geht es tatsächlich auf die Azoren. Zweieinhalb Stunden und eine Zeitzone später setzen wir auf. Hinter dem Rollfeld klatscht der Atlantik an die Steine. Eine Reihe Autos parkt auf sehr abschüssiger Straße, dahinter grast eine angeleinte Kuh. Das Mittagslicht ist zum Schneiden klar. Solch ein Licht kennen wir nur, wenn es kurz zuvor geregnet hat und aller Staub von den Dingen gewaschen ist.

Der Regen wäscht uns ab und macht uns rein.

Fred platziert unsere kleine Reisegruppe in den Van seiner Firma „Endemic Azores“ und braust los. Weit hat es unser junger, bärtiger Insel-Guide nicht zu unserer Unterkunft. Die „Quinta da Meia Eira“ liegt nur ein paar Minuten vom Flughafen Horta entfernt. Überhaupt scheint nichts weit weg auf Faial, weder die einzige Ampel der Insel, die vor dem Krankhaus von Horta steht, noch die Nachbarinsel Pico, deren schneebedeckter Vulkangipfel so ebenmäßig schön wie der japanische Fuji ist. Nur der Winter, der ist auf einmal ganz weit weg.

Outdoorjacken an und rein in den Van! Fred möchte uns so viel wie möglich von der urwüchsigen Natur zeigen, die hier im Atlantik bei konstant milden Jahrestemperaturen von 18 bis 25 Grad gedeiht. Da Faial wie alle neun Azoreninseln vulkanischen Ursprungs ist, geht es zuerst an den Praia da Fajã, wo der gewaltige Ozean an einen schwarzen, menschenleeren Strand ausrollt. Ist es die Gischt oder ist es ein Regenschauer, der unsere flatternden Jacken benetzt? Schwer zu sagen. Die Azoren kennen viele Arten Feuchtigkeit: Huschen, Schauer, Regenbogenregen. Wirklich nass wird man sowieso nicht davon.

Fred erklärt uns, welche Pflanzen zuerst im Vulkanboden siedeln und welche ihnen folgen, bis am Ende Hecken stehen, die den Häusern und Gärten Windschutz geben. Er berichtet von fiesen invasiven Arten, die das Gleichgewicht durcheinanderbringen, und eigens eingeführten wie die Japanische Sicheltanne, deren Holz besonders beim Bau gefragt sei. Immer wieder hält der 34-Jährige auf unseren kleinen Wanderungen an und heißt uns zu riechen und zu fühlen, was ohne sein charmantes Fachwissen nur irgendein Grünzeug am Wegesrand geblieben wäre.

Starkregen: Lecuhtturm Ribeirinha.

Unser Guide ist großartig – den dichten Nebel, der sich an der großen Caldera in der Inselmitte festgesetzt hat, kann aber auch er nicht wegpusten. Die acht Kilometer lange Wanderung am Kraterrand können wir so vergessen, erst recht den glitschigen Abstieg in den kreisrunden Trichter. So sei eben auf den Azoren, sagt Fred, nachdem er wieder mal die Webcam gecheckt hat, die dort oben auf rund tausend Metern postiert ist, ein Kommen und Gehen der Elemente, und manchmal auch ein Bleiben.

Wir jedenfalls könnten sofort Wurzeln schlagen in der hübschen Quinta da Meia Eira. Wein, Artischocken, Bienen, Blumen, Papaya: Alles gedeiht mühelos und dennoch konform zur EU-Bio-Norm im Garten unserer agrotouristischen Unterkunft. Hier könnte man glatt überwintern und sich sanft benetzen lassen. Man würde lesen, dösen, nichts tun, so wie der argentinische Segler, der gleich ein ganzes Jahr hierblieb. Man würde auf der Gitarre klimpern und eine Art „Tourist in Residence“ werden.

Doch das geht nicht. Wir haben nur ein paar Tage auf Faial, die wollen anders genutzt sein: mit Einblicken in die Walfanggeschichte, mit Abendessen in Hortas neuer Markthalle, mit Einkaufen im Supermarkt, wo wir uns mit der Maracujalimonade Kimi von der Haupinsel São Miguel verproviantieren. Rätselhafterweise scheinen wir dabei die einzigen Touristen zu sein, die es zu dieser Jahreszeit auf die immergrüne Insel mitten im Atlantik verschlagen hat.

Ascheregen: Nach dem Ausbruch des Capelinhos verließen viele Faial.

Freilich: Wo mit der Eurasischen, Afrikanischen und Nordamerikanischen gleich drei Erdplatten aneinander reiben, kann das Leben nicht pausenlos sorglos sein. Am 9. Juli 1998 bebte die Erde auf Faial das letzte Mal. Hunderte Gebäude stürzten ein, acht Menschen starben. Besonders stark getroffen wurde Ribeirinha im Nordosten der Insel. Als wir eines Nachmittags bei irrwitzigem Starkregen (auch den gibt es auf Faial) zum verfallenen Leuchtturm der Stadt laufen und den Wind heulen hören, der durch das gewesene Gebäude jagt, ahnen wir die Kräfte, die hier gewaltet haben müssen. Nur die freilaufenden Rinder ringsum zeigen sich unbeeindruckt und grasen stoisch weiter.

Tags darauf hat sich das Wetter beruhigt. Ein grauer Tag, wie man ihn vom Sommerurlaub an der Nordsee kennt, nur wärmer, atlantischer, leichter, verjüngender auch. Heute wandern wir zum Capelinhos-Vulkan im Westen Faials, dem letzten Neuzuwachs der 173 Quadratkilometer Land, die sich hier am Mittelatlantischen Rücken aufgefaltet haben. Er ist keine 65 Jahre alt. Fred parkt den Van auf leicht abschüssiger Straße. Wir stiefeln los.  

Auf einem schmalen Grat haben wir die beste Sicht auf das, was im September 1957 aus dem Atlantik aufstieg, sich nach zwei Monaten mit der Hauptinsel vereinigte und erst im Oktober 1958 aufhörte sich auszustülpen. Wir stehen lange auf diesem windumtosten Grat. Die Capelinhos-Halbinsel selbst darf nicht betreten werden, sie steht unter strengem Naturschutz. Irgendwo da draußen liegen Corvo und Flores, die westlichsten Azoreninseln. Danach kommt nur noch Amerika.

Supermarkt in Horta.

„Durch den Ascheregen konnte kaum noch etwas geerntet werden“, sagt Fred und tippelt mit den Fingern auf dem Lenkrad. Vor Faials einziger Ampel hat sich doch tatsächlich ein kleiner Stau gebildet. „Tausende Bewohner verließen damals die Insel und gingen in die USA.“ Die Verbindung sei sowieso stark, schon die Walfänger aus Massachusetts hätten Anfang des 19. Jahrhunderts auf Faial Seeleute angeheuert und ihnen nach erfolgreicher Fahrt zur amerikanische Staatsbürgerschaft verholfen.

Ein letztes Mal fahren wir hinein nach Horta, Faials schöne Inselhauptstadt mit ihren weißen Kirchen und den blühenden Gärten, dem Art-déco-Theater und der alten Schule, die derzeit von russischen Investoren und mit Fördergeldern der EU zum Luxushotel „O livro“ umgebaut wird. Es sind 18 Grad, strahlender Sonnenschein. Da kann man der Unternehmung in bester Innenstadtlage nur das Beste wünschen.

International geht es in Horta allerdings seit jeher zu. Ende des 19. Jahrhunderts legten Briten und Amerikaner erste unterseeische Telegrafenkabel. Im Jahr 1900 hatte auch die Deutsch-Atlantische Telegrafengesellschaft von Borkum aus eine Verbindung geschaffen. Die Mitarbeiter residierten damals in der „Deutschen Kolonie“, einem schmucken Ensemble weißer Holzvillen. Bis zum Zweiten Weltkrieg legten sogar Wasserflugzeuge von Lufthansa und PanAm in Hortas geschützter Bucht einen Zwischenstopp ein.

Weltwirtschaft: Das Peter Café Sport ist Anlaufpunkt für Atlantiksegler.

Heute sind es vor allem die Segler aus aller Welt, die hier Halt machen. Ihr erster Anlaufpunkt ist das Peter Café Sport direkt am Hafen, das in vierter Generation von einem gutgelaunten José Henrique Azevedo in Peter-eigenem Strickpullover geführt wird. Die Kneipe ist mittlerweile dermaßen berühmt, dass sie auch Merchandise-Artikel vertreibt. Wir halten uns lieber an das weltmeergeprägte Essen, das hier serviert wird, Thunfisch mit in Zimtbutter geschwenkten Süßkartoffeln etwa, oder – sehr endemisch – frittierte Moräne.

Wir laufen raus zur Marina, dem eigentlichen Mittelpunkt des transatlantischen Geschehens. Auf den festgemachten Yachten schlagen Hunderte Seile an die Masten. Seevögel schreien und stürzen. Es hat deutlich aufgefrischt, unsere Outdoorjacken knattern im Wind. Zu schade, dass wir sie schon morgen wieder gegen unsere Winterjacken tauschen müssen. Wir laufen die Mole entlang. Sie ist über und über mit Bildern bemalt. Wir sehen Wale und Boote, Flaggen und Routen, Vulkane, Schmetterlinge, Regenbögen, dazu die Jahreszahlen und Namen der Crew. Wohl jeder Transatlantiksegler, der in Horta Station machte, hat sich auf diese Weise verewigt.

Wir gehen lange an dieser bunten, wettergegerbten Freiluftgalerie entlang. Sehr lange. Fred und der Rest der Reisegruppe stehen bereits am Van. Fred deutet zum Himmel. Tatsächlich: Eine Regenfront ist im Anmarsch, die Hügel hinter Horta hat sie bereits erreicht. Also weg hier. Rennen müssen wir aber nicht: Einen Strudel jagender Pfeile haben wir nirgends an der Mole gepinselt gesehen.