Doo-What?

Urlaub im Midcentruy: Die Doo Whop Motels in den Wildwoods von New Jersey

F.A.S. 19. März 2023

„Recalculation“ sang die freundliche Frauenstimme, die böse Programmierer dereinst in den Navi gesperrt hatten. Dazu drehte sich die Bildschirmkarte New Jerseys wie ein irregewordener Kompass. Nach ein paar Minuten sang es wieder „Recalculation“. Und wieder. Dabei wollten wir die Fahrt gar nicht neu berechnet wissen. Wir mussten einfach dauernd anhalten und Fotos machen. Die Wildwoods, das ahnten wir bereits bei unserem ersten Stopp, einem Segelboot, das aus unerfindlichen Gründen auf einem Zen-gleich geharkten Kiesparkplatz gestrandet war, waren ganz nach unserem Geschmack.

Und es ging weiter, immer weiter. Die Wildwoods, wie die drei Ortschaften North Wildwood, Wildwood City und Wildwood Crest der Einfachheit halber genannt werden, sind lang, sehr lang. Neun Kilometer misst die schmale Barriere-Insel im Süden New Jerseys, das reicht für hundert Straßenblöcke voller wundersamer Dinge. Vor einem Eckladen war ein drei Meter hoher Strandeimer aus Beton abgestellt, die Schippe steckte schräg. Auf dem Dach eines Motels droht ein bedenklich nach vorn geneigter Pirat mit Degen nicht nur der Umgebung ringsum, sondern auch jeden Moment umzukippen.

Hier waren wir richtig. Wir wurden immer richtiger. Noch einen Straßenblock, dann hatten wir unser Hotel erreicht und konnten den Navi-Geist endgültig zurück in die Flasche stopfen. Zum Glück ging das Zimmer nicht nach innen zum Pool, wo sich jetzt um die Mittagszeit ein paar Jungs in Arschbomben probierten, begleitet von niederschmetternder Neunzigerjahremusik. Waren wir hier wirklich in den Vereinigten Staaten? Oder hatte uns die Frau aus dem Navi klammheimlich doch nach Mallorca gelotst?

Die meisten Doo Whop Motels sind familiengeführt.

Nein, es waren unverkennbar die USA. Die Hand fasste das Balkongeländer, den Körper reckte sich, und da lag er, der Atlantik, ein Teppich von Ozean, gesäumt von einem riesigen Strand. Darauf Punkte und Doppelpunkte, Gruppen von Punkten mit Klappstühlen und Badetüchern. Propellerflugzeuge knatterten über sie hinweg und zogen Banner hinter sich her, auf denen für Bier und einen lokalen Radiosender geworben wurde.

Wir wollten sofort die Badesachen packen und Teil dieses uramerikanischen Strandpanoramas werden. Doch halt, sagt unser eigener kleiner Reise-Navi, schwimmen kannst du später. Du verpasst Wildwoods famose „Doo Wop Motels“, wie sie leer im Mittaglicht stehen, das „Viking“, das „Gondolier“, das „Aztec“, die abgekühlten Neonlichter und die schwülstigen Geländer, die Freitreppen und die Plastikpalmen. Gut möglich, dass gerade jetzt der Pirat auf dem Dach des Jolly Roger Motels umgefallen ist.

Über 130 dieser Motels aus den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren haben sich in den Wildwoods erhalten. Es sind hinreißende Überbleibsel des Midcentury-Tourismus, nicht vornehm und elegant wie im kalifornischen Palm Springs, sondern schnell und günstig für den wachsenden Mittelstand hochgezogen. Der drängte jetzt immer mehr an die 200 Kilometer lange Jersey Shore, vor allem aber in die Wildwoods mit ihrem drei Kilometer langen Boardwalk, den Candy Shops und Dance Halls, wo Backgroundsängerinnen Nonsense-Silben wie „Doo Wop“ trällerten und dabei einen eigenständigen Musikstil schufen.

Die Wildwoods waren ein Versprechen von Leichtigkeit, latent übergeschnappt und ständig auf dem Sprung, ein wildes Experimentierfeld, das den Urlaubern stets den neusten Kitzel verschaffte. Hier spielten Bill Haley and the Comets erstmals ihr „Rock around the Clock“ (1954 im Hof Brau Hotel). Hier präsentierte Chubby Checker seinen ersten Twist (1960 im Rainbow Club). Was in den Wildwoods klappte, klappte bald auch im Rest des Landes.

Familienzusammenführung am Strand.

Recalculation also und zurück in die amerikanischen Wunderjahre, als Lassie im Fernsehen kläffte und viele Amerikaner sich erstmals nicht nur diesen Fernseher leisten konnten, sondern auch ein Auto, mit dem sie auf dem frisch gebauten „Garden State Parkway“ in die Wildwoods donnerten. Das Fernweh war geweckt, und wenn man sich auch keinen Urlaub in Tahiti, der Karibik oder Singapur leisten konnte, so doch immerhin im „Tahiti“, Caribbean“ oder „Singapore“. Grace Kelly hat Fürst Rainier geheiratet? Wie wunderbar, dann machen wir Urlaub im neuen „Monaco Motel“!

„Monaco“ gaben wir jetzt aber nicht in unseren Navi ein. Den Wagen konnten wir sowieso getrost stehenlassen, denn unser Hotel lag mittendrin im „Doo Wop District“ von Wildwood Crest. Rund 50 Resorts aus Amerikas wilden Urlaubsjahren haben sich dort erhalten. Viele liefen wir ab, das „Jolly Roger“ mit seinem standhaft bleibenden Piraten, das „V.I.P“ mit seinen zum Trocknen aufgehängten Badetüchern, das „Armada“ mit seinen Kriegsschiffen aus dem 16. Jahrhundert an der cappuccinobraun gestrichenen Fassade. Dazu Plastikpalmen. Einsame Plastikpalmen und ganz einsame Plastikpalmen. Man muss sich das Ganze wie Elvis‘ Dschungelzimmer in Graceland vorstellen, billig-exotisch und gnadenlos amerikanisch, einfach wunderbar. Manche Leute fahren die gesamte Route 66 ab, um solche Motels zu sehen. Im Doo Wop District kann man sie zu Fuß ablaufen.

Fragt sich nur: wie lange? Viele der nach wie vor familiengeführten Motels sehen sich einem immer älter werdenden Stammpublikum ausgesetzt. Nostalgie allein aber bucht nicht. Was die Großeltern unvergesslich fanden, bedeutet für die Elterngeneration schon etwas ganz anderes, und für die sich in Arschbomben rettenden Enkel dann meist überhaupt nichts mehr.

Recalculation also? Ja, zumindest für uns. Wir hatten genug Plastikpalmen gesehen, genug SUV-Türen auf- und zuknallen hören, und selbst der nierenförmige Pool im 1957 erbauten „Caribbean Motel“, mittlerweile sogar im „National Register of Historic Places“ gelistet, war nach eingehender Betrachtung eben nur das: ein nierenförmiger Pool.

Es war an der Zeit, richtig schwimmen zu gehen. Bevor wir die Badesachen holten, vergewisserten wir uns, ob der Jolly Roger noch stand. Er stand noch – auf einer Schatztruhe, wie wir erst jetzt sahen. Und dass er gar nicht umfallen konnte, sahen wir jetzt auch. Er ist mit einem dünnen Drahtseil an einer Abluftanlage befestigt.