Englands Ende
Reisewarnung: Fahren Sie nie nach Land’s End!
F.A.S. 25. Februar 2024
Fieser Wind, fieser Regen. Die Scheibenwischer kommen kaum nach, Englands westlichste Tropfen von der Windschutzscheibe zu schieben. Ein Haufen hinfälliger Häuser türmt sich hinter den Schlieren auf. Unwillkürlich setzen wir zurück. Doch da haben wir die Rechnung ohne die Heritage Great Britain Public Limited Company gemacht. Eine Angestellte stürmt aus dem Parkplatzhäuschen und gibt wilde Handzeichen. Fahren wir wirklich rückwärts? Rückwärtsfahren im Linksverkehr ist sehr verwirrend. Nein, wir fahren vorwärts, es ist, als hätte die Frau magnetische Kräfte. „You never turn back here!“ herrscht sie uns an, woraufhin wir ihr kleinlaut die sechs Pfund Parkgebühr geben, die man in Land’s End entrichten muss.
Eigentlich ist Cornwall schön. Besonders schön ist Lizard Point, Englands südlichster Punkt, der vom National Trust verwaltet wird. Land’s End könnte auch so schön sein, wenn es im Besitz der kornischen Bauernfamilie geblieben wäre, die es ursprünglich bewirtschaftete. Doch 1982 verkaufte sie Englands windgepeitschten Westzipfel an einen gewissen David Goldstone, der ihn 1987 für sieben Millionen Pfund an einen gewissen Peter de Savary weiterverkaufte, worauf dieser ihn 1991 gegen eine unbekannte Summe an einen gewissen Graham Ferguson Lacey veräußerte, der mit Land’s End aber auch offenbar eher unglücklich war. 1996 erwarb es die Heritage Attractions Limited, Vorläufer der heutigen Heritage Great Britain Public Limited Company, die sich selbst als „Hüter von Räumen und Orten, die Menschen lieben“ bezeichnet.
Schockverliebt stellen wir das Auto ab und stemmen uns gegen den Wind. Wenigstens haben wir bei unserem Rückwärtsmanöver keinen Unfall gebaut. An die 130 Schiffe sind vor Land’s End auf Grund gegangen, darunter die RMS Mülheim, deren Heck seit 2003 recht malerisch an der Steilküste vor sich hin rostet – kein Vergleich zu dem verdichteten Grusel-England, das in den späten Achtzigerjahren hier auf- und aus unerfindlichen Gründen nie abgebaut wurde, zu den hohlen Eingangssäulen des Erlebnisdorfes, den Souvenir-Stoffbärchen in Regenbogenfarben und den Stoff-Pasteten zum Draufschlafen (Cornwall ist berühmt für seine Pasteten), der Shaun the Sheep Experience, dessen Teppichboden von 2015 fürchterlich vor sich hin müffelt. Sogar ein ausrangierter Hubschrauber der kornischen Küstenwache ist über den wie betäubt schleichenden Besuchern aufgehängt, selbstverständlich schief. Wahrscheinlich war er im Rückwärtsflug, höchstwahrscheinlich vergeblich.

Es ist, als hätte Martin Parr Land’s End erschaffen. Die leeren Picknickbänke über der Klippe. Die geleerten Münzferngläser. Das leere Land’s End Hotel. Die Chinesin in dem dünnen Kleid, die sich gegen eine erhebliche Gebühr vor dem 1952 aufgestellten Wegweiser nach New York und den Isles of Scilly fotografieren lässt. Den Spielplatz, der auf Google Maps völlig zurecht mit einem Stern bewertet wurde. Er besteht aus einer Reihe von Miniaturhäusern, die in windigem Heidekraut verborgenen sind und nicht berührt werden dürfen. Wie aber kann es sein, dass Englands westliches Ende nicht England, sondern einem Unternehmen gehört? Das geht wohl nur, wenn dieses Unternehmen auch eine zweite Landmarke bewirtschaftet: John O`Groats in Schottland. Sie wird als nördlichster Punkt der britischen Hauptinsel beworben und ist eine ähnliche trostlose Touristenfalle wie Land’s End.
874 Meilen sind es von einem Ende zum anderen, von einem Parkplatz der Heritage Great Britain Public Limited Company zum nächsten. Die Briten lieben diese Strecke. Sie bewältigen sie per Fahrrad, zu Fuß, mit Paraglidern, auf Pferden, in Rollstühlen, auf Rollschuhen, joggend, golfspielend. Wir würden sie nicht einmal im Vorwärtsgang schaffen.