Servus, lieber Reiseteil!
Sechs Postkarten aus dem Zillertal
F.A.S. 8. Januar 2023

Liebe Redaktion!
Schöne Grüße aus dem Zillertal! Seit Stunden schneit es, es ist einfach herrlich. Schon auf der Inntal-Autobahn hing der Himmel kalt und schwer, und pünktlich in Strass begannen die ersten Flocken zu tanzen. Wie lange hatten wir das nicht mehr erlebt! Die Kinder waren ganz aus dem Häuschen, und auch wir wurden immer andächtiger, je weiter wir auf der B 169 ins Zillertal hineinfuhren: echte, sechszackige Gebilde in schwerem Gestöber, die Scheibenwischer kamen kaum nach. Wo war jetzt unser Post-Hotel? Und vor allem: welches? Hatten wir überhaupt Winterreifen?
Unverzüglich fuhren wir nach Kaltenbach ab und inspizierten das Auto vor dem Hotel Post. Allwetterreifen, immerhin! Bis zum Einchecken war noch Zeit, deshalb liefen wir die Postfeldstraße entlang zur Talstation. Viel los war jetzt nicht zur Mittagszeit, auch nicht in der Post-Alm, einem Après-Ski-Lokal. Also stapften wir wieder zurück und blätterten in einer mit einem goldenen Posthorn verzierten Speisekarte.
„Warum gehen wir nicht auf unser Zimmer?“ fragten die Kinder. „Weil wir noch nicht da sind. Unser Hotel ist nicht das Hotel Post. Es ist das Posthotel.“

Liebe Redaktion!
Ich glaube, ich bin euch eine Erklärung schuldig. Wie ihr wisst, besitzt das Zillertal von allem reichlich, Pisten, Seilbahnen, Lifte, es ist eines der größten Skigebiete Österreichs. Mittlerweile hat man sich aber auch hier in Tirol locker gemacht vom kollektiven Einkehrschwung und kann den Winterurlaub auch ohne Wintersport verbringen. Es gibt etwa eine gläserne Erlebnis-Sennerei, in der man sich durch ein Dutzend Joghurtsorten probieren kann. Es gibt eine verglaste Erlebnis-Therme mit abenteuerlich verdrehten Wasserrutschen. Da geht die Post ab, kann ich euch sagen. Rodeln ist auch ein Erlebnis, tagsüber und abends unter Flutlicht, also fast rund um die Uhr.
Und wo das 30 Kilometer lange Zillertal schon so viel von allem hat, hat es eben auch sechs Hotels mit „Post“ im Namen. Damit besitzt es die vermutlich höchste Post-Hotel-Dichte der Welt, zumindest der Alpen. Im Einzelnen sind das:
- Gasthof Hotel Post in Strass, 2008 abgebrannt und von Familie Rainer als 4-Sterne-Haus mit Sky Pool wiederaufgebaut
- Hotel Post in Kaltenbach, 2013 von Familie Höllwarth zur „Post-Wellnessoase“ mit Außen- und Innenpool erweitert
- Das Posthotel in Zell, 2009 von Familie Binder-Egger als 5-Sterne-Boutique-Hotel mit Außenpool völlig neu erfunden
- Ferienhotel Neue Post in Hippach, 1972 von Familie Kröll gegründet, die es 2005 um ein Erlebnisbad und Hallenbad bereicherte
- Hotel Neue Post in Mayrhofen, von Familie Pfister im Dezember 2021 als 4-Sterne-superior-Hotel mit Rooftop-Pool erneuert
- Posthotel Mayrhofen, seit 2014 geführt von Familie Thaler, Wellness mit finnischer Sauna und Infrarotkabine

Liebe Redaktion!
Das Posthotel ist der Hammer! Von außen sieht es aus wie ein Ufo, das in Zell gelandet ist. Viel Glas, viel Holz, wobei das viele Holz das viele Glas wie Paketbänder von allen Seiten umspannt. Kann sein, dass Architekt Thomas Urthaler genau das im Sinn hatte, als er das postmoderne Aushängeschild der Post-Hotels im Zillertal entwarf. Tradition ist wichtig hier, die Zukunft aber auch, und die Zeller Eigentümerfamilie Binder-Egger kann offenbar in beiden aus dem Vollen schöpfen.
Reinhard Binder ist der größte Holzhändler Europas. Seine Frau Christina ist Erbin der alten Post, die 1969 hier an der Bahnlinie gebaut wurde, weil die noch ältere Post von 1860 einer neuen Brücke über die Ziller weichen musste. Gemeinsam schufen die beiden auch das Hotel „Malis Garten“ gegenüber, das ist fast noch luxuriöser als das Posthotel. In besagtem Garten spielten die beiden schon als Kinder. Nun ist er zum 5-Sterne-Plus-Green-Spa-Hotel samt Haubenrestaurant erblüht.
Welch glückliche Verbindung, dachten wir, als wir in der dann doch nicht ganz so abgehobenen Post-Lobby am Darjeeling nippten und in der opulenten Hausbroschüre blätterten. Das Glück währte aber nur kurz: Die Kinder standen auf der Matte. Und so plantschten wir auch heute Abend wieder in dem dampfenden Außenpool, während sich erlesene Schneeflocken sachte auf unsere Köpfe setzten.

Liebe Redaktion!
Heute waren wir in Mayrhofen. Es schneite noch immer, deshalb nahmen wir die „Zilli“, wie die Zillertaler ihre kleine Bahn nennen. Weit hatten wir es nicht, unser Posthotel liegt ja direkt an den Gleisen. Hätten wir Ski oder Snowboard dabeigehabt, hätten wir uns jetzt nahtlos einreihen können in die Schar der Wintersportler, die zu den Gondeln der Penkenbahn stiefelte. Wollten wir aber nicht.
Die klobigen Stiefel, die vollen Lifte, die Fachgespräche der Könner, der halbgefrorene, halb angetaute Zustand, in dem wir uns befanden, wenn wir uns als leidgeprüftes Ganzkörper-Sorbet an die Tische in den Hütten fallen ließen: All dies hatte uns die Freude an den alpinen Winterlandschaften in der Vergangenheit gründlich verleidet. Wir wollten einfach nur an der Ziller spazieren.
Dafür mussten wir allerdings am Posthotel Mayrhofen vorbei, dem Nachfolger des Gasthofs zur Post aus dem 18. Jahrhundert. Vorbei auch am echten Postamt, einem selbstbewussten Zweckbau von 1976. Und dann vorbei am Hotel Neue Post, das seine Tradition bis ins Jahr 1664 zurückführt. Dreimal Post auf 200 Metern: Mehr Post geht nicht. Ob es da nicht mal zu Verwechslungen komme, wollten wir von Willi Pfister jun. von der Rooftop-Post wissen. „Keineswegs“, sagte dieser. „Jedoch fanden Verwechslungen mit dem Hotel Neue Post in Hippach und in Zell am See öfter mal statt.“
In Zell am See gibt es auch ein Post-Hotel! Das hatten wir gar nicht auf unserer Liste, aber das liegt ja auch nicht in Tirol, sondern im Salzburger Land, gut 90 Kilometer entfernt. „Irrläufer“ nennt man so etwas im Postbetrieb. Es meint eine Sendung, die partout nicht zugestellt werden kann und deshalb in permanente Nachforschung gerät, mitunter jahrelang.
Wir liefen weiter, bis wir Mayrhofens letzte Häuser erreicht hatten. Klar und schön gurgelte die Ziller. Auf den Briefkästen lag 30 Zentimeter Neuschnee, und unsere Stiefel knirschten auf makellosem Weiß. Manchmal begegneten wir älteren Paaren oder Familien mit sehr kleinen Kindern, die auch lieber hier am Zillergrund als oben auf den Pisten unterwegs waren. Wir sagten einander „Servus“ und „Grüß Gott“, und irgendwann hörte es dann auch auf zu schneien.

Liebe Redaktion!
Heute gibt es keine Post von mir (kleiner Scherz). Heute waren wir im „Natureispalast“, einer bizarren Welt aus gefrorenen Wasserfällen und Hohlräumen im Inneren des Hintertuxer Gletschers, die der Bergführer Roman Erler 2008 per Zufall entdeckt hatte. Um auf die schwindelerregende Höhe von 3250 Meter zu gelangen, nahmen wir natürlich nicht das Auto, sondern den „Gletscherbus“, wie die letzte der drei Gondelbahnen auch genannt wird.
Oben pfiff eisiger Wind. Die Fernsicht aber war überirdisch. Tiefblau spannte sich der Himmel über dem Gipfelmeer. Wir sahen weit nach Bayern, nach Südtirol, in die Schweiz. Auch die Skifahrer, die mit uns ausgestiegen waren, sausten nicht einfach drauflos, sondern zückten erst einmal ihr Handy für Selfies und Panoramafotos.
Roman Erler höchstpersönlich führte uns durch das erstarrte Gletscherreich, das er und sein Team in jahrelanger Arbeit Besuchern zugänglich gemacht haben. Vorsichtig bewegten wir uns auf Leitern und Stiegen, sahen Eiskristalle groß wie Kinderhände und strichen über unfassbar glatte Wände. Dass dieses wundersame Labyrinth nicht langsam talwärts gleitet, liegt daran, dass dieser Teil des Hintertuxer Gletschers auf einer Permafrost-Linse sitzt. Er klebt gewissermaßen fest.
Die Luft war von einer merkwürdig nüchternen Reinheit und Stille, weder kalt noch warm, ein Nullpunkt des Lebens. Und doch verbergen sich in dieser abgeschiedenen, heruntergedimmten Welt auch Cyanobakterien und Algen. Das interessiere auch die NASA, deutete Erler an, der uns auf der Tour sogar mit einem Schlauchboot durch einen engen Eiskanal fuhr. Als wir nach gut zwei Stunden wieder nach draußen traten, blendete uns die Sonne wie ein riesiger Barcode-Scanner aus dem Supermarkt.

Liebe Redaktion!
Nun geht es gleich zurück nach Deutschland. Zuvor haben wir uns mit Hirschgulasch und Knödel gestärkt, natürlich im Gasthof Post in Strass. 2008 wäre uns das nicht möglich gewesen: In jenem Jahr brannte das Haus komplett ab. Das Feuer fraß sich in Windeseile herunter vom Dachstuhl, nur einen Tag vor der geplanten Neueröffnung.
Alois Rainer höchstpersönlich, Post-Wirt in fünfter Generation und zugleich Obmann der Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer Tirol, kam an unseren Tisch. „Alles fein?“ „Alles fein.“ Warum die Familie damals nicht aufgeben habe, wollten wir wissen. „Das Hotel, in dem ich meine Kindheit verbracht habe? Niemals! Unser Haus gibt es seit 1840.“ Man müsse aber am Ball bleiben. Deshalb habe man den Gasthof mit der markanten Steinfassade beim Wiederaufbau gleich um einen neuen Trakt mit Seminarräumen, Panoramasaunen und Sky Pool erweitert.
Wir waren beeindruckt von dieser Standfestigkeit, von diesem unbeugsamen Willen, sich auf die Zeitläufte jedweder Art einzulassen. Beeindruckt waren wir aber auch von der exorbitanten Post-Hotel-Dichte hier im Zillertal. Durchschnittlich alle fünf Kilometer ein Post-Hotel, wie kann das sein? Haben die Zillertaler jahrhundertelang ständig Briefe geschrieben und Pakete erhalten?
Das nicht, aber sie haben sich schon sehr früh und vehement dem Fremdenverkehr geöffnet. Und der logierte anfangs dort, wo man eben Halt machte auf Reisen: in den Gasthöfen und Wirtshäusern, die schon immer auch als Umschlagplätze von Neuigkeiten, Post und Waren dienten. Noch heute legendär ist die „Post-Lisl“, die nach dem Bau der Berliner Hütte 1879 in den Zillertaler Alpen tagein, tagaus Briefe und Ansichtskarten von der mittlerweile denkmalgeschützten Alpenvereinshütte zu Fuß ins Tal beförderte.
Dieser Botendienst ist heute nicht mehr nötig. Wie überall im Zillertal gibt es auch dort oben auf 2042 Metern meist tadellosen Handyempfang.