Rad ab
Auf dem Al Qudra Cycling Course in Dubai
F.A.S. 13. März 2022
An einem Freitagmorgen um kurz nach neun Uhr saßen wir im Schatten eines Busches südlich von Dubai und saugten unter immer bedrohlicherem Knistern und Schrumpeln den letzten Rest Wasser aus unserer Plastikflasche. Wir waren völlig verschwitzt und leergestrampelt. Laura hingegen war die Ruhe selbst, nahm einen kleinen Schluck aus ihrer Aluminiumflasche und lächelte. Auf die anderen Radfahrer mussten wir einen besorgniserregenden Eindruck gemacht haben, wie wir da ein paar Meter entfernt vom Al Qudra Cycling Course auf dem Bordstein saßen. „Alles in Ordnung bei euch?“ riefen die durchtrainierten Männer und Frauen auf ihren sündhaft teuren Carbon-Rädern, wenn sie in leicht abgebremstem Tempo an uns vorbeizischten. „Ja, alles in Ordnung“, rief Laura ihnen zurück. Doch da hatten die ehrgeizigen Hobbysportler schon wieder Fahrt aufgenommen.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, es ihnen als nur mäßig fitter Fahrer gleichzutun. Radfahren in der Wüste? Das kann schnell schiefgehen, selbst wenn man einen so umsichtigen wie raderprobten Menschen wie Laura an seiner Seite hat. Die gebürtige Rumänin arbeitet für ein großes Architekturbüro in Dubai, vermittelt wurde sie uns über Bekannte von Bekannten. Laura fahre fast jeden Freitagmorgen auf den Al Qudra raus, hieß es, da könne man sich ihr sicher anschließen. Wir waren begeistert: raus aus dem 40 Grad heißen Glitzermoloch, weg von den Autobahn-umschlungenen Höchsthochhäusern und hinein in den stillen Zauber der Wüste.

In Dubai selbst kann man zwar auch Radfahren, in Parks, am Water Canal, an einigen Uferabschnitten am Persischen Golf oder auf einem umgewidmeten ehemaligen Kamelpfad; mancherorts warten mittlerweile sogar knallgrüne Leihräder auf Entsperrung durch das Smartphone. Der Fahrspaß ist allerdings eher bescheiden, denn länger als sechs Kilometer ist keine dieser insularen Ausfahrten. Doch Dubai wäre nicht Dubai, wenn es nicht auch hier eine Lösung gefunden hätte, einen Radweg nur für Radfahrer, ausgelegt mit schwarzem Asphalt, auf dem man dahinflitzt wie ein Carrera-Wagen zur Oscar-Verleihung: den Al Qudra Cycling Course. Der exquisite, doppelspurige Rundweg wurde 2015 rund 20 Kilometer südlich der Stadt eröffnet. Durch Verlängerungen und Verbindungsstrecken sind aus den ursprünglichen 49 Kilometern mittlerweile 157 Kilometer geworden – genug Gelegenheit also, sich völlig zu verausgaben.
Allein die Abholzeit war sportlich. Pünktlich um 5 Uhr 30 fuhr Lauras Taxi am Hotel vor. Nach einer halben Stunde war Dubais blinkende Weihnachtsbaumsilhouette endgültig im Rückspiegel verschwunden, und kurz darauf hatten wir den Trek Bicycle Store am Anfang des Al Qudra Cycling Course erreicht. Die Sonne ging auf, ein laues Lüftchen wehte. Durchatmen, endlich! Laura zog vorsichtig ihr Rad aus dem Großraumtaxi, wir bekamen ein leicht mitgenommenes Leihrad aus der Trek-Garage ausgehändigt. Überall gingen jetzt die Autotüren auf, wurden ultraleichte Carbon-Räder geschultert, hörte man kumpelhaftes Lachen und das Klackern von Fahrradschuhe auf dem Parkplatz. Am Wochenende sei das immer so, sagte Laura, und es klang, als könnte sie mit der Hälfte all des Aufwands, den Expats wie Einheimische da betrieben, weit mehr anfangen.

„Wollen wir den Weg nehmen, wo nicht so viele Leute sind?“ „Gerne, ja!“ Also Helm auf und rauf auf den Sattel. 20 Grad, was für eine Wohltat! Der Fahrtwind rüttelte am T-Shirt. Der Hollywood-Asphalt schmatzte. Wir fuhren gegen die Fahrtrichtung, besser gesagt: Wir fuhren auf jener der beiden Spuren, an der die Kilometerschilder rückwärts zählen: 49, 48, 47… Wir redeten nicht viel. Die flache Steinwüste leuchtete im Morgenrot, in der Ferne liefen Stromleitungen von einem Horizont zum nächsten. Ist das einfach, dachten wir, ist das schön! Wenn wir weiter so dahinglitten, würden wir in zwei Stunden fertig sein. Schon zu diesem Zeitpunkt hätten uns die Notruftelefone am Wegesrand ein Hinweis darauf sein können, dass man den Al Qudra doch nicht zu leichtnehmen sollte. Alle paar Kilometer steht eine Säule, dazu sind ab und an schattenspendende Kunststoffpavillons zum Verschnaufen in der Hitze gespannt.
Und die Hitze kam, roh und unerbittlich senkte sie sich über das Land. Um halb acht Uhr war die Temperatur bereits auf 30 Grad geklettert, um acht Uhr auf 35 Grad. Selbst ein kleiner Anstieg über ein Geröllfeld wurden nun zur Qual. Laura merkte, wie schwer wir uns taten. Wir machten eine Pause, die zweite an diesem Morgen. Dann noch eine. Und noch eine, aber diesmal nicht in der gestauten Hitze eines Kunststoffbaldachins, sondern im Naturschatten eines Busches. „Alles in Ordnung bei euch?“, riefen die Leute auf ihren sündhaft teuren Carbon-Rädern. „Alles in Ordnung“, rief Laura ihnen zurück. „Alles in Ordnung “, riefen auch wir, allerdings krächzte die Stimme ein wenig. Laura reichte ihre Aluflasche: „Möchtest du?“ „Danke, es geht schon.“
Um 9 Uhr 40 erreichten wir frohgemut wieder den Parkplatz, Laura mit noch immer glucksender Aluflasche am Rahmen, wir mit zwei verschrumpelten Plastikflaschen im Rucksack. In der Wüste muss man zusammenhalten – auch die Kräfte und die Trinkvorräte.